Nach längerem Aufenthalt in Tiflis, ist das Fahrrad wieder mein Zuhause.
Es ist ein tolles Gefühl wieder auf dem Fahrrad zu sein. Frei und umgeben von Natur.
Wäre da nicht die Hitze, die uns beim ersten Anstieg aus der Fläche Tiflis‘ zu schaffen macht.
Ich merke, dass ich eine Pause brauche.

Zum Glück geht es Pedro genauso und so finden wir Platz unter dem Schatten eines Baumes. Unser Drang wieder vorwärts zu kommen ist groß und so fahren wir bis kurz vor der armenisch-georgischen Grenze und sind glücklich am Abend einen Bach zu finden, in dem wir uns waschen können.

Der Grenzübergang findet ohne größere Probleme statt und wir werden vom Zöllner in Armenien willkommen geheißen. Die Landschaft ist schön: links und rechts ist unsere Straße umgeben von Bergen. Wir haben Glück, dass sich unsere Straße entlang eines Flusses bewegt und wir so keine großen Steigungen zu überwinden haben. Nach 3 Stunden Fahrt mitten in der Natur auf verkehrsruhigen Straßen ergibt sich uns ein sehr skurriles Bild: Wie aus dem nichts taucht eine Stadt (Alaverdi) auf, welche aus alten Sowjet-Fabriken und den damit verbundenen Arbeiter- Hochhäusern zu bestehen scheint. Die Fabriken sind teils in die Berge gebaut bzw. verlaufen vom Gipfel der Berge bis ins Tal. Einige Fabriken scheinen noch zu laufen, andere sind stillgelegt. Es könnte eine perfekte Szenerie eines Filmes à la „Waterworld“ abgeben. An diesem Abend finden wir einen schönen Bergfluss, an dem wir unser Zelt aufschlagen und baden können.

Am Morgen gönne ich mir erst noch einmal einen kurzen Sprung in den kalten Bergfluss bevor es wieder aufs Fahrrad geht. Mein Hintern scheint die Strapazen nicht mehr gewohnt zu sein und so schmerzt er schon nach 2 Tagen. Oder ist es die Fahrrad Lidl Hose, welche nach 4 Monaten ihren Geist aufgibt? Das Ergebnis ist das gleiche: Mein Hintern schmerzt und das ist eine der nervigsten Stellen für Tourenradler. Da ich bei 35-40 nicht meine Langradlerhose anziehen will, binde ich die lange Radlerhose um den Sattel und ziehe weiter meine gebrauchte, kurze an. Der heutige(3.Tag) beginnt nun mit stetigen, langen, aber nicht so steilen Anstiegen. Die Tunnel, von denen es reichlich gibt, sind abenteuerlich. Kein Licht, riesige Schlaglöcher und vor einem ein 40 Jahre alter Diesel-LKW. Doch die wunderschöne Landschaft entschädigt uns. Die Menschen machen hier einen armen Eindruck: Das Gras wird noch weitestgehend per Hand mit der Sense geschnitten und die Landwirtschaft scheint noch immer eine der wichtigsten Arbeitssektoren zu sein. Leider bleiben uns längere Gespräche mit den Menschen verwehrt vor allem aufgrund unser fehlenden russischen Kenntnissen.

Ich bin am frühen Abend das erste Mal wieder richtig kaputt. Kurz bevor wir einen längeren Anstieg zu befürchten haben
signalisiere ich Pedro, dass ich kaputt bin, wir aber noch Wasser für die Nudeln und zum Trinken benötigen. Mein Hintern schmerzt und die Muskeln sind auch müde. Irgendwie haben wir Glück und finden eine Wasserquelle und einen Traumcampingplatz mitten im Wald mit einem schönen Bergfluss an der Seite. Wieder baden im Bach!!!:) Was für ein Glücklich trinke auch das erste Mal mit meinem Wasserfilter aus dem Bach. Ich bin nicht daran gestorben. Meinen Hintern creme ich mal wieder mit der Zink-Wundsalbe ein….

Wenn der morgen gleich mit einer über 2000m großen Pass-Überwindung beginnt und am Ende des „Passes“ ein 3km langer Tunnel steht, ist die Laune nicht gerade groß. Aber was solls: Der Berg muss überwunden werden und so schwinge ich mich mit schweren Muskeln auch am Morgen des heutigen Tages wieder auf mein Fahrrad. Mit wenigen km\h geht es den Berg hinauf. Mal wieder tropft mir Schweiß ins Gesicht. Zum Glück gibt es immer mal wieder Wasserstellen an denen man sich erfrischen kann. Glücklich und hustend verlassen wir den Tunnel. Die ganzen Tunnel durch die ich gefahren bin kosten mich bestimmt ein Jahr meines Lebens. Aber was solls ;)… Nach dem Tunnel gehts wieder aufs Fahrrad und wir werden mal wieder belohnt: Wir fahren bergab auf den Sevansee zu und an ihm entlang. Wir haben Glück: kein grösser Gegenwind und dem Unwetter können wir auch weitestgehend entkommen.

Auf der Suche nach einem Zeltplatz stoßen wir abends dann völlig unerwartet auf ein paar armenische Männer. Ich sehe die Wodkaflasche auf dem Tisch und erkenne sofort die Folgen für uns: Wodka trinken auf hungrigem Magen! Natürlich werden wir zu Tisch eingeladen und es folgen einige shots Wodka. Immerhin sind es keine normalen Wassergläser wie in Georgien. Ich freue mich schon auf die alkoholfreie Zeit im Iran……

Ich habe das Gefühl, dass es in Armenien nur bergauf geht. Bis auf den Sevansee müssen wir jeden Tag über einen Pass. Am heutigen Tag haben wir auch noch mit starkem Gegenwind zu kämpfen. Da wir es irgendwie immer hinbekommen, trotz dem vorhandenen Willens(sagen bei jedem neuen Land, dass wir uns eine Karte kaufen wollen), keine richtige Karte eines Landes zu kaufen, werden wir auch immer wieder durch stetige Anstiege überrascht. Da die Abfahrt nach einer halben Stunde meist wieder vorbei ist und es danach wieder bergauf geht zerrt Armenien ganz schön an den Nerven. Armenien hat jedoch einen Vorteil. Die Landschaft ist noch wilder, die Straßen noch ruhiger als in Georgien. So werden unsere Strapazen eigentlich täglich belohnt. Trotzdem creme ich meinen Hintern auch diesen Abend mit der Zinkwundsalbe ein.

Wind bläst uns schon am Morgen ins Gesicht. Wir schlängeln uns einen Fluss langsam entlang. Obwohl die Steigungen nicht stark sind, bewegen wir uns nur mit langsamer Geschwindigkeit fort. Der Wind ist stark und scheint immer stärker zu werden. Wir schauen auf unsere Google Karte und können kaum kurvige Straßenabschnitte erkennen und schließen daraus, dass wir auch in den nächsten 50 km keine größeren Anstiege zu befürchten habe. Voll daneben….. Wir befinden uns auf einmal in einer „Death valley“ Landschaft und müssen bei böigem Wind einen Pass überwinden. Ich habe 3 Liter Wasser dabei, das sollte reichen…. Da wir schon den ganzen Tag Gegenwind haben, geht mir der Wind gewaltig auf die Nerven und Muskeln. Das Jammern hilft nichts. Der Pass muss überwunden werden. Also Freddy: trete mal rein in die Pedale! Die ersten Meter bin ich noch motiviert, doch die Motivation lässt immer mehr nach. Der Wind wird stärker. In den Kurven schiebe ich das Fahrrad immer mal wieder, weil die Steigung und der Wind mir die Kraft raubt. Nach ein paar Mal schieben merke ich aber, dass meine Muskeln anfangen zu schmerzen. Sie sind das bergaufgehen nicht gewöhnt. Ich beginne mal wieder zu fluchen. Manchmal laut, manchmal leise verfluche ich den Wind auf das Gröbste! Dann bitte ich ihn doch bitte etwas schwächer zu werden. Er nimmt mir das Fluche wohl übel und entscheidet sich immer stärker zu werden. Natürlich reichen auch die 3 Liter Wasser nicht aus. Und wie schon zuvor in meinen Reisberichten beschrieben, zieht sich das erwartete Ende des Passes nach jeder Kurve in die Länge. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie schaffe ich es völlig entkräftet am Gipfel anzukommen. Ich kann mich immer noch nicht beruhigen und sage Pedro, dass es das erste und einzige Mal ist, dass ich mit dem Rad nach Armenien komme. Am Gipfel können wir unsere Wasserflaschen auffüllen uns ein paar frische Früchte kaufen. Und wieder werden wir am Abend belohnt:

Campen auf 2300m Höhe an einem schönen verlassenen Bergsee. Am Abend entscheiden wir uns noch in den Bergsee zu gehen und zu baden. Verlassen, im Nichts stehend, sehen wir am Rande des Sees ein Haus stehen, an dem wir Zugang zum See bekommen könnten. Dies entpuppt sich aber als Enttäuschung. Die schlammige Landschaft verhindert einen Zugang. Pedro entscheidet sich die Altbewährte Flaschendusche an unserem Zeltplatz zu nehmen und kehrt zurueck. Ich jedoch sehe einen kleinen Bach, der zum See führt und kämpf mich durch schlammiges Gebiet, um mich im eiskalten Wasser so gut es geht zu waschen. Als ich mich gerade wieder anziehe steht vor dem verlassenen Haus ein ältere Herr und schaut zu mir. Ich winke freundlich. Er winkt zurück. Nachdem ich meine 7 Sachen zusammen gepackt habe, komme ich ihm entgegen und begrüße ihn per Handschlag. Zwei Kinder kommen aus dem Haus. Ich werde ins Haus eingeladen und folge der Einladung.

Die Wärme, die dieser Mann und das Haus ausstrahlt erinnert mich an ein Kinderbuch:“ Es klopft bei Wanja in der Nacht“. Das Aussehen des Mannes glich dem im Buches sehr. Und irgendwie auch die Situation. So bekomme ich nach der kalten Bachdusche einen warmen Tee am Kamin. Während wir uns über Armenien und des Mannes Geschichte unterhalten, spielen drei Kinder im Hintergrund Karten. Sie spielen weniger konzentriert Karten, sondern schauen mich immer wieder an. Wanja( ich habe seinen richtigen Namen leider vergessen) kommt immer wochenends aus der Hauptstadt Jerewan in die Hütte\Haus am See und gibt den Dorfkindern teils Mathe-Unterricht bzw. findet seine Ruhe in seinem Geburtshaus mitten im Nichts. Bis heute hat mich die Begegnung mit diesem Manne irgendwie fasziniert. Es hat mich eben sehr stark an dieses Kinderbuch erinnert.

Der armenische Bergsee

So schlafe ich völlig entkräftet aber glücklich auch an diesem Abend ein…..

Der nächste Tag beginnt wieder mit Wind, sehr starken Wind. Entgegen unserer Informationen lässt die Abfahrt auf sich warten. Heute ist es Pedro, der sehr kaputt ist und immer wieder Pausen braucht. Ich fühle mich irgendwie gut. Ich merke, dass mein Körper sich sehr schnelle nach Strapazen regeneriert….Die ersten Stunden zeigt dann auch Pedro ein grimmiges Gesicht und ist sicherlich froh als es dann auf eine ein-stuendige Abfahrt geht. Es wird Abend und irgendwie haben wir wieder Glück mit unserem Zeltplatz. Schien es am Anfang noch so, dass wir keinen Zeltplatz in der von Bergen umgebenen Landschaft finden können, sehen wir völlig überraschend eine kleine Nische am Rande der Straße. Die Landschaft und der Blick in der Abendatmosphaere ist unschlagbar. Ehrlich….brutal…..Wir sehen im Tal der Schlucht einen Mini-see. uuuuu: da jetzt reinspringen, nachdem heißen und anstrengenden Tag. Das wäre was….Leider privat…Als wir unser Zelt aufbauen kommt eine Frau mit einem 13-jahrigen Jungen vorbei. Man spricht mit Händen und Füßen und wir werden zum Schwimmen in den See eingeladen: jaaaaaaaaaackpot!!!!Just Amazing!!!!!Dieses Schwimmen in dem selbstgebauten Minisee werde ich auch nie vergessen. Nachdem wir ausgiebig und entspannt in der Mini-oase gebadet haben, werden wir für den Morgen zum Frühstück eingeladen. Wir machen noch die Entdeckung, dass hier überall teils meterhohes wildes Cannabis wächst und freuen uns dann aber auch auf unseren Schlaf.

Wasserstelle im „Paradies“

Schon früh am Morgen höre ich Kinderstimmen vor unserem Zelt. Als ich aufstehe und aus dem Zelt gehe, sitzen 2 neugierige Kinder auf einem Stein und warten wohl schon einiger Zeit, bis wir endlich aufstehen. Es ist Junge vom Vortag und sein Zwillingsbruder, die warten bis wir endlich runter zu ihrem Haus kommen und gemeinsam frühstücken. Nachdem auch Pedro aufgewacht ist machen wir uns auf runter ins Tal zum Mini-Paradies mit See. Wir frühstücken in dem Bauernhaus und uns wir werden vor der Entscheidung gestellt entweder Wodka oder Wein zu trinken. Wir entscheiden uns für Wein, bekommen aber nebenbei auch noch frische Kuhmilch und andere hausgemachte Produkte wie z.B. Käse angeboten. Das Haus und das Grundstück an sich sind mit einfachsten Mitteln aufgebaut worden. Der Vater hat alles mit eigener Hand aufgebaut inklusive See, Wassersystem, Hausueberdachung, etc. Anscheinend haben hier schon vor Tausenden vor Jahren Menschen gewohnt. Uns werden 1000 Jahre alte Grabsteine und die alte Weinfabrik gezeigt. Es ist alles wirklich wie ein Mini-Paradies. Doch das Paradies hat auch seine Schattenseiten, wie wir später erfahren sollten. Schon beim Auftischen des Frühstücks merke ich, dass die Umgebung alles andere als sauber ist. Überall Fliegen, die Hände der Familie dreckig, der Tisch wird mit einem noch dreckigeren Lappen gewaschen. Das ist wohl der unhygienischste Ort, an dem ich jemals gewesen bin. Aber egal: Der Wein morgens um halb 9 macht mich stark Ich traue mich sogar von dem nicht gekühlten stinkenden Käse zu essen. Entscheide mich nach einem Stück dann aber lieber die Finger davon zu lassen. Nachdem das Weinglas immer wieder aufgefüllt wurde, brauche ich erst einmal einen kühlen Sprung ins kalte Wasser und gehe in dem See baden. Da weiter Wein eingeschenkt wird, bekomme ich langsam Kopfweh. Nachdem wir schon einiges getrunken haben und auch die Diskussionen mit dem Vater etwas komplizierter werden (Thema Hitler, etc. wir angesprochen) entscheiden wir uns weiter zu fahren.

Frühstück bei der armenischen Bauernfamilie

Wir werden von den 2 Jungs noch nach oben begleitet und schwingen uns dann in der Mittagshitze mit dickem Schädel auf die Fahrräder. Ich merke, dass es mir nicht so gut geht. Wir machen eine kleine Mittagspause. Am Abend geht es dann wieder einen Berg hoch. Nach einer Stunde geht es mir irgendwie schlecht. Ich bekomme Schüttelfrost. Ich kämpfe aber weiter und will noch die Bergspitze erreichen. irgendwann merke ich aber, dass es wohl besser wäre anzuhalten und das Zelt aufzuschlagen. Ich begebe mich ohne essen ins Bett, habe aber Glück, dass ich am nächsten Tag zwar geschwächt aber wieder halbwegs gesund bin. Pedro ging es gut. Doch am Morgen merkt er, dass es ihm nicht so gut geht. Beim Fahren bekommt er immer wieder einen Brechreiz (Er hat den stinkenden Käse, ca. 600g, am Abend und am Morgen fertig gegessen, den wir von der Familie mitbekommen haben). Als wir an einem kleinen Laden anhalten, muss er sich dann das erste Mal übergeben. Es sollte nicht der letzte „Broeckle-blues“ bleiben. Wir können natürlich nicht weiterfahren. Halten bei der Hitze unter einem Baum an und bleiben dann auch die Nacht dort.

Am Morgen ist Pedro wieder einigermaßen fit. Nach einer kurzen Abfahrt geht es wieder……den Berg hoch…Dieses Mal einen 2500m hohen Pass. der letzte vor der Grenze zum Iran. Kurz vor dem Passanstieg, fahren wir noch durch ein sehr komisches Dorf\Ministadt. Es ist Kajaran und befindet sich wie auch andere Städte irgendwie im Nichts. Als wir in die Stadt einfahren merke ich schon, dass die Menschen hier irgendwie komisch sind. Als wir dann einen Dürüm kaufen und mit dem ein oder anderen halbwegs sprechen, merken wir, dass hier ein Großteil irgendwie geistig beeinträchtigt ist. Eine ganz komische Situation in dieser Stadt. Kommt mir irgendwie vor wie in einem Film von Edgar Wallace, der in einer Psychatrischen Klinik stattfindet, vor. Wir wollen hier raus….Wir kämpfen uns den Pass hoch, der irgendwie nicht enden will. Auch dieses Mal wussten wir nicht, dass wir einen 2500m hohen pass überwinden werden. Bei der letzten Wasserstelle schlagen wir dann nachts unser Zelt auf: Am Gipfel angekommen, dürfen wir noch einmal die schöne Berglandschaft Armeniens betrachten.

Es folgt eine lange, wohlverdiente Abfahrt nach Agarak an die iranische Grenze. Wir sehnen uns nach  neuen Erfahrungen und können es kaum erwarten endlich in den Iran zu fahren. Natürlich habe ich ein etwas mulmiges Gefühl. Wird alles an der Grenze klappen? Werden sie uns befragen? Vorsichtshalber ziehen wir unsere langen Hosen an, da wir widersprüchliche Aussagen zum Fahren in kurzer Hose gehört haben. Dann machen wir uns auf in Richtung Grenze….


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