Georgische Landschaft

Wir sind des Reisens in der Türkei etwas müde geworden. Die stark befahrene Straße mit vielen LKW und das damit verbunden geringe Erholungsniveau auf dem Straßen war ein Grund, warum wir uns nach Georgien sehnten. Ein anderer Grund war der Ramadan, der im Nordosten doch noch erhebliche Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben hat. Und nach 6 Wochen in der Türkei sehnten wir uns einfach nach neuen Erfahrungen.

So machen wir uns Ende Juni von Trabzon auf zur georgischen Grenze Richtung Batumi. Wir sind wieder zu dritt (Douglas, Pedro, ich). Wir haben es geschafft unsere Reisepläne zumindest bis Tiflis zu vereinen. Noch einmal heißt es bis nach Rise: Verkehr, Lkws, Tunnel. Danach entspannt sich die Verkehrslage wieder etwas und es wird gemütlicher auf den Straßen. Der Grenzübertritt nach Georgien erfolgt ohne Probleme. Schon kurz nach der Grenze können wir die größer gewordene Freiheit spüren. Der Strand entlang der Kueste ist voll mit Menschen und Alkohol kann man nun auch wieder bedenkenlos konsumieren. So trinken wir nach 6 Wochen unser erstes Bier in einem Hostel in Batumi.

Georgien war eigentlich nicht wirklich in unsere Reiseplanung vorgesehen, doch wir sind sehr froh darüber in diesem wirklich schönem Land reisen zu können. Nachdem wir die ersten 2 Tage nochmal an der Schwarzmeerkueste verbringen, zieht es uns ins Landesinnere und in die georgischen Berge. Schon nach den ersten Kilometern zeigt sich, dass wir die richtige Routenwahl getroffen haben. Wir sind nun fast alleine auf den Straßen und genießen die Natur und die georgischen Dörfer, welche wir von Zeit zu Zeit passieren. Es ist wieder heiß geworden. Das Thermometer steigt bis auf 38 Grad. Irgendwie fühle ich mich müde und kaputt. Den anderen beiden geht es ähnlich. Doch wir haben Glück. Im Gegensatz zur Türkei sind die reichlich vorhandenen Bergflüsse sehr sauber. So halten wir immer mal wieder an, um uns im Fluss abzukühlen. Die ersten Begegnungen warten nicht lange auf sich.

Schon am ersten Tag, nachdem wir ins Landesinnere ziehen treffen wir auf eine Horde Kinder, welche ihre Ferienzeit beim Baden im Fluss nutzen. Wir sehen diese Flussstelle auf einer Brücke und schaffen es über Umwege diese zu erreichen. Es scheint einer der lokalen Stellen zu sein und wir sind wahrscheinlich die ersten Touristen, die hier baden gehen. Dementsprechend ist der Andrang um uns groß. Da es so heiß ist, warte ich nicht lange und springe sofort ins Wasser. Doch von Erholung ist hier erstmal keine Spur. Nach wenigen Sekunden belagern mich die Kiddies und reden auf mich ein. Immer wieder höre ich das Wort “Wolf”. Ich habe Glueck’ dass wenigstens einer der Kinder Englisch spricht. So stellt sich heraus, dass es sich um eine sehr interessantes Kinder-Schwimm-Fangspiel handelt. Sie wollen das ich mitspiele. Ich habe zwar nicht wirklich Lust, aber was macht man nicht alles den Kindern zu Liebe. Die Kinder sind clever, kennen sich mit den Strömungen und den guten Positionen im Fluss aus und so bin ich natürlich der Erste, der gefangen wird. Ja super, jetzt bin ich der Fänger! Sowas von gar kein Bock drauf. So dauert es dann auch einige Minuten bis ich jemand anderen gefangen habe und ich nicht mehr Fänger bin. Ich spiele noch ein paar Minuten mit und entziehe mich dann der Situation mit dem Hinweis, dass die anderen beiden auf mich und das Essen warten. Keine 5 Minuten später kommt ein Mann mit einer 0,5 Liter Plastikflasche vorbei. Chacha! Erst verneinen Douggie und ich das Angebot zu trinken, jedoch beharrt der Mann darauf also probieren wir auch. Scheußlich und sehr stark! 72% und er schüttet nicht gerade wenig ins Glas ein. Und natürlich alles auf einmal. Er will uns gleich wieder einschenken, doch wir verneinen nun etwas dominanter. Wir wollen ja auch noch ein bisschen fahren. Also schenkt er uns die Flasche, welche die nächsten 2 Wochen mehr als Reiniguns-und Heizmittel und weniger als Getränk uns ihren Dienst erweist.

Wir finden an diesem Abend einen Überragenden Zeltplatz. Am Fluss im Flachland gelegen, fühle ich mich irgendwie in einem Western-film. Als dann auch noch ein ca. 9 jähriger Junge mit seinem Pferd an den Fluss angeritten kommt (ohne Sattel, aber mit Zigarette im Mund) fühle ich mich erst recht in einem Film. Und als dann auch noch am Morgen eine Kuh- und Pferdeherde am Fluss grast, ist das Bild perfekt.

Wir wollen einen 2000er Pass überqueren und machen uns mit dem Fahrrad Richtung Baghdadi auf. Auf dem Weg dorthin machen wir an einem Abend Halt in einem Dorf namens Shuampta. Wir trinken am Abend genüsslich ein Kaltgetränk vor einem Geschäft als nach wenigen Minuten eine Horde (junger)Männer auf uns zukommt. Sie reichen uns alle die Hand und heißen uns in ihrem Dorf willkommen. Keine 5 Minuten später haben wir wieder eine Bierflasche in der Hand. 10 Minuten später gibts noch eine Whiskyflasche obendrauf. Sie bieten uns an uns ihr Dorf, die Kirchen und die Gegend zu zeigen. Wir willigen ein und so beginnt ein kleines Abenteuer in einem kleinen georgische Dorf. Zuerst einmal stellen wir die Fahrräder ab. Dann geht es rein in ein Opel corsa. Zuerst jedoch muss das Auto in die “Werkstatt“. Wir fahren also keine 100 Meter und finden uns in einer georgische Dorfwerkstatt wieder. Der Mechaniker sieht schon etwas alkoholisiert aus, hantiert ein bisschen unter dem Auto und dann kann es auch nach 15 Minuten wieder losgehen. Sie wollen uns ihre Kirche oben am Hügel zeigen. Doch das Auto macht schon beim ersten minimalen Anstieg schlapp. Wir bieten ihnen an zu laufen. Das kommt für sie jedoch nicht in Frage. Also wieder zurück zur alkoholischen Werkstatt. Diese Mal dauert es mindestens eine halbe Stunde, aber schließlich scheinen sie das Kupplungprobleme einigermaßen gelöst zu haben. Also wieder zu fünft ins Auto und ab zum Hügel. Ich würde dieser Strecke nur einem 4/4 Auto zutrauen und so spinnt die Kupplung schon nach einem steileren Anstieg wieder. Giorgi der Fahrer, geht nun selber unters Auto repariert es kurz und so geht es wieder einen Kilometer weiter hoch bis er wieder unters Auto steigen muss. Als wir schließlich oben angekommen sind, wo die anderen 5 Georgier schon sehnsüchtig auf uns warten, haben wir einen sensationellen Blick auf die georgische Ebene.

Giurgi zeigt uns die georgische Ebene

Es wird ein Foto nach dem anderen geschossen. Sie bieten uns an am Fluss baden zu gehen, zuvor jedoch besuchen wir noch das Haus des „georgischen Goethes“. Als wir dann etwas länger Richtung Fluss unterwegs sind und wir einen mehr schlechten als rechten Weg entlang fahren, finden wir uns auf einmal vor einem Bauernhof wieder. Das Tor vor diesem wird einfach aufgemacht und wir fahren durch. Keine 100 Meter weiter dann das: Heiße Quellen! WOW! Aus dem nichts sind hier einfach heiße Quellen. Zwar ist es noch über 30 Grad, trotz allem ist es ein Genuss. Und das Beste. Der kalte Fluss ist keine 50 Meter entfernt. Das ist mal Lebensqualität!!!! Natürlich wird auch dieser Besuch mit etwas Alkohol versüßt. Nebenbei wird auch Brot mit Wurst aufgetischt. Ich weiß nicht, ob einer von den Jungs einen einigermaßen guten Job hatte, doch trotz mehrmaligen Angebot wollen sie partout kein Geld für Einkäufe von uns entgegennehmen.

Den Abend verbringen wir dann noch mit den Jungs bei reichlich Wein und interessanten Geschichten über Georgien. Einen Rat für euch: trinkt niemals mit einem Georgier! Das ist brutal. Eigentlich trinken die immer alles auf Ex. Und das in Glaeser zwischen 0,1 und 0,2 l. Dementsprechend verlauft dann auch unsere nächster Reisetag etwas verkatert und unmotivierter ab.

georgische Abend in Shuampta

Es ist immer noch unser Ziel den ersten großen Berg zu erklimmen. Das Problem ist nur, dass wir nun eine schlechte Karte vom Tourismusbuero haben. Wir versuchen uns Informationen von den Einheimischen zu holen, ob der Weg, den wir einschlagen wollen möglich ist bzw. wie die Straßenbeschaffenheit ist. Die Aussagen wiedersprechen sich ständig. In der letzten Stadt vor dem Pass befragt Pedro dann ein paar Taxifahrer. Diese bestätigen, dass der Weg geteert ist und gut zu befahren ist. Also machen wir uns den Tag darauf auf den ersten richtigen Berg zu erklimmen. Es geht ständig bergauf, doch die ersten 20 km aufwärts sind gut ausgebaute Straßen. Wie aus dem nichts dann auf einmal einen großes Erholungsgebiet mit vielen Touristen. Wir durchfahren den Ort und fahren weiter hoch. Am Ende des Dorfes dann das: Die geteerte Straße hört auf einmal auf! Mist. Wir stärken uns mit einem Picknick und entscheiden uns dann trotz der Schotterpiste hochzufahren. Es wird unglaublich schweißtreibend. Es geht nur bergauf. Einzig und allein 4/4 Autos kommen uns ab und an entgegen. Wir sind alle 3 völlig am Ende, kämpfen uns aber trotzdem immer weiter hoch mit der Hoffnung irgendwann am Gipfel angekommen zu sein.” Dass muss doch jetzt endlich der höchste Punkt sein”, denke ich mir nach jeder zweiten Kurve. Doch irgendwie nimmt es kein Ende. Ich steige nun immer wieder ab, um mein Fahrrad zu schieben. Auch Douggie (52!) hat sichtlich mit dem Anstieg zu kämpfen. Immer wieder beleidige ich die anderen beiden, um uns zu motivieren. Dann endlich! Dass muss der höchste Punkt sein! Wir wollen nicht am höchsten Punkt übernachten(Gewitter) und entscheiden uns noch etwas weiter zu fahren. Von wegen höchster Punkt! Es geht weiter hoch. Wir sind so fertig, das wir irgendwann einfach unser Zelt am Wegesrand aufstellen. Wir machen ein Feuer und grillen 4 Würste. Für jeden 1 1/3. Nicht gerade viel! Wir haben den Berg unterschätzt und wieder viel zu wenig Essen mitgenommen. Ich gehe hungrig ins Bett und habe das Gefühl aufgrund der Höhe etwas Atemprobleme zu haben. Wahrscheinlich auch viel Kopfkino. Die Nacht schlafe ich schlecht. Ein Tier schnüffelt nachts am Zelt herum. Pedro und ich haben keine Essenreserven mehr, so sind wir froh, dass Douggie sein Essen mit uns teilt. Douggie meint, der Gipfel sei jetzt nicht mehr fern. Er ist am Morgen etwas hochgelaufen und hat dies sehen können. Ich bin völlig kaputt und mache mich als erster aufs Fahrrad. Ich habe Angst, dass die Wolken die klare Sicht in ein paar Stunden verdecken. Schon nach den ersten Kurven merke ich, dass es immer weiter hoch geht. Das gibts doch nicht! Die Anstrengungen werden aber durch atemberaubende Sichten belohnt. Ich glaube, dass war die schönste bergige Landschaft, die ich in meinem Leben gesehen habe. Von unserem Berg kann ich sogar das kaukasische Gebirge deutlich sehen (5000er). Wir brauchen noch 2 weitere Stunden bis wir wirklich am Gipfel angekommen sind! Dort wird uns von Georgier wieder Alkohol angeboten, den ich diese Mal jedoch vehement ablehne. Ich freue mich auf die Abfahrt! Jedoch wird diese nicht so gemütlich, weil man die ganze Zeit auf der Stein-und Schotterpiste bremsen muss und das Fahrrad durchgeschüttelt wird. Unten völlig kaputt angekommen, genehmigen wir uns ein Königsessen.

Noch am Abend verabschieden wir uns von Douggie, den wir in Tiflis wieder treffen wollen( Visaangelegenheiten). Wir fahren Richtung Vardzia und werden weiterhin durch atemberaubende Landschaften und ruhige Straßen belohnt. Dieses Land ist wirklich ein Traum. Wir schlängeln uns einem Fluss entlang der von steilen Bergketten umgeben ist. Dann ein weiteres Highlight: Die Klosterstadt Vardzia! Hier sollen in Hochzeiten bis zu 2000 Behausungen im Berg geschaffen worden sein. Wir campen direkt unterhalb der Klosterstadt am Fluss und haben interessante Gespräche mit einem frueh-pensionierten Deutschen. Ein herzensguter Mensch mit richtigen, positive Travelspirit. Er versorgt uns noch mit Bundeswehrfertignahrung hergestellt im Jahre 1992, damit uns der Hunger auf unseren künftigen Bergetappen nicht mehr plagt:)

Wir befinden uns überraschende Weise die ganze Zeit auf einem 1500 hohen Plateau, was uns erst in Vardzia bewusst wird. Auf dem Weg nach Tiflis überqueren wir wieder einen 2200er Pass, jedoch sind hier die Straßen gut ausgebaut. Auch hier ist die Landschaft wunderschön!

Unsere Reisepläne verändern sich  ständig. Doch unser Plan sieht nun wie folgt aus: Wir werden uns über Armenien in den Iran aufmachen( Visa ist beantragt). Dann werden wir vom Iran nach Tadjikistan fliegen (aufgrund von Visa-Problematiken blieb uns fast keine andere Möglichkeit) und das Highlight unserer Reise, den Pamir Highway befahren. Dann kurz nach Kirgisistan und dann nach Chia einreisen.

Doch nun geht es erst einmal zurück nach Deutschland. Als Trauzeuge meines „Seit-dem-Ich-denken-kann-Sankasten-Freundes“ freue ich mich auf die bevorstehende Hochzeit.

Ich halte euch auf dem Laufenden!


0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.