Der Esel als Nutztier

Mit dem Grenzübertritt nach Rumänien ändert sich auch die Wetterlage für uns. Die 4 Wochen zuvor hatten wir nur wenig Regen und Gegenwind. Nun müssen wir mit beiden zurecht kommen. Mit Plastiktüten um die Schuhe gewickelt schlagen wir uns bis zum Eisernen Tor im Südwesten Rumäniens durch. Die Nacht zuvor in Serbien hatten wir noch einmal das Glücke ein Spektakel mit zu erleben:

Wir haben am Abend zuvor das Zelt wie schon öfter zuvor außerhalb von Dörfer nahe der Donau aufgestellt. Morgens um 5.00 Uhr werde ich dann von einem noch nie gehörten Geräusch geweckt. Es scheint sich ca. 50 Meter von unserem Zelt fortzubewegen und von mehreren Tieren zu kommen. Nach einer knappen Minute wird mir klar, dass es sich um Wolfsgeheul handelt. Auch Pedro ist von diesem ungewohnten Geräusch geweckt worden und vermerkt nur kurz: „Wolves, man!“. Die Hunde im Dorf spielen nun verrückt. Und von denen gibt es viele in Rumänien. Ein lautes und lang andauerndes Gebell durchdringt die Morgenruhe gepaart mit dem Wolfsgeheul, dass sich nun aber immer mehr vom Zelt wegbewegt und um das Dorf herumzugehen scheint. Die Wölf sind schnell, waren aber wohl relativ nahe an unseren Zelt und scheinen sich um das Dorf herum bewegt zu haben. Das Hundegebell dauert ca. 30 min.. an und ist echt verrückt. Wow, Wölfe…coole Sache….denke ich mir, bleibe aber doch noch etwas länger im Zelt obwohl meine Blase drückt. So nahe werden uns in Zukunft keine (lebende) Wölf mehr kommen.

Wind bläst uns in Rumänien entgegen, es regnet stark und die um die Schuhe gewickelten Plastiktüten scheinen nach ein paar Stunden nicht mehr zu wirken.

Schutz vor Regen und Kälte

Die Temperaturen sind um 15 Grad auf um die 8-12 Grad gefallen. Mein Körper ist durchnässt, meine Hände frieren und geredet wird in diesem Moment auch nicht viel. Wir sind immer noch zu dritt unterwegs (Douggıe, Pedro und ich). Douggıe und ich lieben es, mit Humor über das Wetter zu fluchen und uns nach besserem Wetter zu sehnen. Der Plan nach dem Grenzübertritt war sich einen Bankautomaten zu suchen, rumänische Lea abzuheben und Essen zu kaufen. Nicht ahnend, dass wir uns in der tiefsten Provinz befinden, findet sich weit und breit kein Bankautomat geschweige denn eine Bank. Bald merken wir, dass wir am ersten Tag keine Bank mehr finden werden und uns mit unseren Essenvorräten begnügen müssen. Douggıe scheint weniger als wir zu brauchen und schlägt sich mit ein paar Bananen durch. Pedro und ich gehen unsere Vorräte durch: Eine Packung Erdnüsse, 2 Bananen, 2 Zwiebeln, Knoblauch, 0,5 Liter Milch und Reis. Schon auf dem Fahrrad überlegen wie unser Abend- und Morgen Gericht aussehen könnte.

Es beginnt wieder stärker zu regnen. Wenn möglich brauchen wir eine überdachte Unterkunft, d.h. wir halten nach Bauruinen Ausschau. Wie aus dem Nichts erscheinen riesige Gebäudekomplexe und ein alter Industriekomplex. Teils sind die Hochhäuser von Roma bewohnt. Oft wissen wir nicht, ob das Gebäude nun bewohnt ist oder nicht. Der Anblick der Landschaft ist bizarr. Wir befinden uns hier in einem der landschaftlich schönsten Gegenden auf unserer Reise. Die zuvor immer grösser werdende Donau schlängelt sich durch eine Gebirgskette und ist gleichzeitig die Grenze zwischen Serbien und Rumänien. Wir sind fast die einzigen auf den guten Straßen und auch in den winzigen Dörfern scheint um diese Jahreszeit nur wenig loszuziehen. Und wie aus dem Nichts kommt dann diese Geisterstadt zum Vorschein. Wir versuchen unser Glück, kennen aber in der nichts passendes finden. Die Moral ist am Boden. Wir müssen bei Regen ,Gegenwind, Kälte und müden Beinen weiter. Wir fahren weiter und hoffen. Jetzt kommt die Zeit, in der ich sehr dankbar um meine im Fußball gemachte Erfahrungen bin. Auch wenn der Körpers müde ist, gilt es mental stark zu bleiben und zu beißen. „Immer weiter“ Würde Oliver Kahn sagen. Es geht also heute bei schlechtesten Wetterverhältnissen in die Verlängerung!!!! Zum Glück gibt es „wanna-be-Mıllınonaere“. Neben der Straße ist eine halb fertig gestellte Villa zu erkennen. Wir halten an uns schauen ob dies was für uns ist: Perfekt!!!! Es gibt 2 „bewohnbare Zimmer“ und so nimmt sich Doggıe ein Zimmer für sein Zelt und wir nehmen uns eines.

Camping in einem nicht fertiggestellten Haus

2 wichtige Dinge müssen aber noch geklärt werde:
1. Was gibt es zu essen?
2. Wann können wir endlich Geld abheben und einkaufen gehen?
Die erste Frage ist schnell beantwortet. Wir entscheiden uns für Reis mit Zwiebeln und Knoblauch- einfach köstlich, wenn man einfach alles in einem Topf kocht ( also nicht wirklich). Mit Müh und viel Hunger bekomme ich das auch noch von mir versalzene Essen herunter. Am Morgen gibt es dann Milchreis mit Banane. Auf die geniale Idee kommt Pedro und es schmeckt sogar! Die Erdnüsse sind als Überleben Snack für den kommenden Tag gedacht. Leider wird uns klar, dass die nächste Stadt/Dorf mit Bank 50km entfernt ist. Es reiht sich Mini-Minidorf an Mini-Minidorf. D.h. wieder Plastiktüten um die Schuhe und eintreten in die Pedale. Die ersten 30km gehen locker da wir Rückenwind haben und es nur leicht regnet. Dann ändert sich die Wetterlage: wir haben wieder Gegenwind und Regen und wir müssen die Berg hoch! Ja top!!!! Am Gipfel angekommen werden die Erdnüsse verschlungen. Erschöpft, aber unglaublich froh essen zu können kommen wir in Orsova an. Ab zum nächsten Imbiss!! Oh nein, geschlossen. Wir haben Samstag und der einzige Imbiss hat am Samstag Mittag geschlossen. Zum Glücke gibt es „Penny Market“. Also ab zum Penny und erst einmal die ganze Back Abteilung leer kaufen……Und dann essen….ein Genuss!

Wir schlängeln uns die nächsten Tage der Donau auf der rumänischen Seite entlang. Uns wird in den nächsten Tagen bewusst, dass wir uns hier in der letzten Provinz in Rumänien aufhalten. Und das soll was heißen. Immer wieder kommen uns Pferdekutschen entgegen, manchmal überholen wir welche und selten werden wir von diesen überholt. Das Leben in den Dörfern ist mehr als einfach aber unglaublich herzhaft und gastfreundlich. Noch einmal müssen wir die Erfahrung eines lang anhaltenden hungrigen Magens machen, da wir nun Geld in der Tasche haben, wir aber vergessen, dass Ostern für die orthodoxen Christen ist und die Geschäfte, auch die sonst tauglichen geöffneten Mini-Markets, geschlossen sind. Als wir schon fast am verzweifeln sind, finden wir einen offenen Mini-Markt. Wir treten ein und versorgen uns mit dem Notwendigsten; Nudeln, Tomatensoße, Wurst und Bier ( Radler für mich ). Wir setzten uns vor dem Minimieret hin uns dringen genüsslich das Bier. Auf einmal kommt der Inhaber mit ein Haufen gekochten Eiern heraus, bringt Brot und wünscht uns Frohe Ostern! Bevor wir gehen steckt er uns noch ein Haufen Brot zu. Man muss wissen, dass die Menschen hier wirklich nicht viel haben, sie aber mit viel Herzlichkeit und viel Freude teilen und gastfreundlich sind.
In dieser Gegend gibt es sehr viel Roma-Dörfern. Und das sieht und fühlt man. Ich bin zuvor in Deutschland nur vereinzelt in Kontakt mit Romas gekommen und bin sehr dankbar um die Erfahrung endlich mal von Romas bzw. vom Roma-leben zumindest am Rande mitbekommen zu haben.

Das Leben der Roma spielt sich in 2 Lokalitäten ab. Entweder sie wohnen am Rande (Anfang/Ende) der Dörfer oder ein ganzes Dorf besteht aus Roma. Sie scheinen immer noch wenig integriert zu werden und von den „Rumänen“ wird immer noch zwischen „Roma-Dörfern“ und „rumänischen Dörfern“ unterschieden. So wird uns z.B. als wir zum Ostereıeressen eingeladen wurden vor den „Roma-Dörfern“ bewusst unterrichtet. (unter dem Motto: in 2 Dörfern kommt ein Roma-Dorf, da müsst ihr aufpassen). Wir haben unserer Seitz keinerlei schlechter Erfahrung mit Romas gemacht. Im Gegenteil: Wir wurden noch frenetischer bejubelt, zugewunken, freudig im Dorf empfangen.
Für diejenigen die das Dorfleben in Rumänien oder auch in anderen osteuropäischen Staaten nicht bekannt ist, kurz eine kurze Beschreibung: Die Hauser befinden sich nicht wie Zb. in Deutschland um ein Dorfzentrum herum, sondern sind entlang der Hauptstraße angebracht. Damit können sich Dörfer recht lang ziehen, auch wenn ihre Einwohnerzahl nicht besonders Groß ist. Die Menschen sitzen fast ausnahmslos draußen vor ihrem Haus auf einer Bank und betrachten das Leben auf der Straße oder was auch immer. Das Leben spielt sich also auf einer Straße ab. Hühner, Kühe, Ziegen, Pferde sind oft tagsüber vor dem Haus um auf der Wiese/Matsch/Erde zu verweilen.
Jetzt kann man sich vorstellen, was passiert wenn mal ein paar Westeuropäer die Straße entlang fahren. Man ist natürlich eine kleine Attraktion( auch wenn diese Route v.a. im Sommer von Tourenradler durchaus befahren wird). Und dann kommt da auch noch ein Riesenrad vorbei. Man winkt also rechts, man winkt links, sagt „Salut“ und klatscht ab und zu die Hände von Kindern beim vorbeifahren ab. Und das nun jede 3-4 km!!!!!Man fühlt sich ein bisschen wie die Queen, was nach einer Zeit aber auch austragend wird. IN Romadörfern verdoppelt sich die Anzahl der Menschen auf den Straßen dann meistens. Viele Kinder, viele (oft mit Bierflaschen in der Hand haltende) Erwachsene und viel sichtbare Armut.

Eines Abends campen wir dann nahe einem Dorf, welches von Roma bewohnt ist. Wir sind völlig kaputt und haben schon zuvor viele Einladungen mit Menschen zu feiern und zu trinken abgelehnt. Gerade nach einem anstrengenden Tag wollen wir nur unsere Ruhe. Als wir das Zelt aufgebaut haben und sich auch ein starker Regen und Wind ankündigt kommt ein Roma mit 2 Hunden auf uns zu. Er beginnt Zeichen mit seinen Händen zu machen. Erst denke ich, dass er taub-stumm ist, dann merken wir, dass er davon ausgeht, dass wir seine Sprache nicht sprechen. Es ist immer eine Abwägung in solchen Situationen: Man ist müde und kaputt, will seinen Ruhe, weiß nicht wie der Gegenüber drauf ist (betrunken oder nicht?). Es wird eine interessante Begegnung. Er ladet uns zu sich nach Hause ein. Auf ein Bier. Wir wollen nicht da wir das Zelt schon aufgebaut haben und das Essen schon fast fertig ist. Er macht Bilder von uns, von den Zelten, vom Kocher. Erst ist es uns ein bisschen unangenehm, gerade in diesem Moment, wo wir in Ruhe essen wollen. Ich habe Heißhunger und frage ihn, ob er auch etwas zu essen haben will. Er verneint, indem er heftig mit den Händen wedelt und bittet uns darauf doch bitte eine seine Hütte zu kommen. Ein Sturm würde sich anküdnigen und bei ihm haben wir ein Dach über dem Kopf. Er zückt sein Handy und sagt, dass er ein Schwein hat, dass er jetzt sofort schlachten könnte und wir dann essen können. Vielen Dank, aber wie haben hier Pasta mit Tomatensauce, versuche ich ihm mit Händen und Füßen zu vermitteln. Wir beginnen zu essen und unser Feierabend Bier zu trinken. Er starrt uns an und schießt noch einmal ein paar Fotos. Für ihn muss das faszinierend sein: er kommt wohl nicht oft in Kontakt mit Westeuropäern und hat vielleicht noch nie ein Zelt gesehen. Er staunt, ist dann aber wohl sehr enttäuscht, dass wir seiner Einladung nicht nachkommen. Man kann es an seinem Gesicht erkennen. Er sagt enttäuscht „Ciao“ und kehrt in sein Haus zurück. Er scheint eine gute Seele gewesen zu sein und die Skepsis am Anfang war falsch ( was man natürlich nie wissen kann).

So, jetzt habe ich wieder so viel geschrieben und das waren nur die ersten Tage an Rumänien. Ich will den Süden Rumäniens nun etwas kürzer zusammenfassen: Die Menschen sind arm und bekommen nichts von dem Wirtschaftswachstum mit. Das Leben ist einfach: Morgens werden die Kühe oder Schafe auf die freien Flächen gebracht. Gras wird aus den freien Flächen mit der Sense und dann der Pferdekutsche nach Hause gebracht. Fast jedes Haus hat seinen eigenen Hühner und oder Schweine, Ziegen, etc… Doch es fahren auch sehr viele teure Autos herum. Audi, BMW, Mercedes. Wenn man nur nach den Autos schaut, dann denkt man, dass man an einem reichen Land ist. Die Hauser sind meist sehr ärmlich, aber es gibt auch wirklich kleine (oft Roma-Villen). Das Roma-Leben ist nicht einfach zu durchschauen. Ich Würde sage, dass die Meisten bettelarm sind, abgeschottet, wenig gebildet, ausgegrenzt. Trotzdem sehr freudig und freundlich. Alkohol wird sehr viel getrunken. Überall im Süden Rumäniens. Und das den ganzen Tag. Dementsprechend schlagen wir auch viele Einladungen aus.

Vermutliches „Roma-Haus“ in Rumänien

Immer mal wieder hören wir Wolfsgeheul. Meist aber weiter entfernt. Die Hunde drehen kurz durch und nach 5 Minuten hat der Spuk wieder ein Ende. Ein toter Wolf haben wir auf der Straße gesehen. Hunde gibt es wie Sand am Meer und viele liegen tot am Straßenrand. Menschen sind sehr gastfreundlich. Gerade die Armen sind oft sehr gastfreundlich. SO will ich Zb. in einem kleinen Mini-Market Wasser kaufen. Der Besitzer drückt mir die 2,5 Literflasche in die Hand und sagt „gute Reise“. Er will partout kein Geld annehmen, auch wenn man deutlich sieht, dass er nicht viel hat. Die Gemeinschaft scheint auch hier etwas stärker zu sein, Menschen fröhlicher, auch wenn sie wenig haben. Einmal wollen wir Wasser aus dem Brunnen. Sofort kommt uns eine Frau entgegen und nimmt die Flaschen und geht ins Haus füllt sie und bringt und noch eine extra Fasche mit. Oder wir werden zum Tee eingeladen…..

Eine Sache noch, bevor ich das Thema Rumänien abschließe. Überall Müll! Selbst auf den Schafherden mitten in der Natur. Überall Plastikflaschen. Die Menschen haben hier überhaupt keine Sensibilität für die Umwelt, obwohl sie doch noch so von ihr abhängig sind. Das hat mich etwas gewundert und hier muss der rumänische Staat noch einiges nachholen. Einfach mal Grund Schulkinder, den Müll aufsammeln gehen. Kindern zur Sauberkeit erziehen. Ich weiß nicht, ob Rumänien einen Umweltminister hat. Wenn ja, dann gibt es aber noch einiges zu tun. Wirklich überall Müll. Auch In den schönsten Naturlandschaften. Das macht mich wirklich wütend. Ich Würde gerne einfach einen Meseck mitnehmen und Müll einsammeln. Vielleicht meine nächste Mission ;). Und dann kommt man nach Bulgarien! und man erkennt: es ist möglich! Die Sauberkeit hat ja fast holländische Ausmaße! Sehr sauber!!! In jedem Dorf verschiedene Container mit unterschiedlichen Mehlsorten, saubere Landschaften. Es geht doch! Also Rumänien: Ran an die Arbeit!  Bulgarien macht es vor!

 

 

 

 


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