In den letzten beiden Beiträgen waren einige Bilder dabei. Das Schöne daran: hinter jedem Bild steckt eine Geschichte. Hier sind drei davon: Viel Spaß beim Lesen!

  1. Die Brücke
Funktional aber laut

Es regnet ,nicht viel, aber es ist trotzdem unangenehm. Davide hat gestern in einem Restaurant ein für den Magen weniger bekömmliches Essen zu sich genommen. Er fühlt sich nicht 100% und da ist der Regen ein zusätzliches Argument sich eine Unterkunft zu „gönnen“. Nach nur 10 gefahrenen Kilometern entscheide ich mich jedoch noch ein bisschen weiter zu fahren und auf Jo und Davide am nächsten Tag zu warten. So werfe ich mich in den Regens. Schon bald sind meine Kleider durchnässt, die Hände frieren: hätte ich doch in eine warme Stube einkehren sollen? Nein, für mich gehören auch die schweren Tage dazu. An diesen wächst man besonders.
Als Fahrradreisender kann man mehrere Tage im Regen fahren, doch spätestens nach 3-4 Tagen ist der Spaß daran sehr gering. Besonderen Antrieb erhalte ich aber durch das Buch „Der Tunnel“, welches ich in den letzten Tagen angefangen habe zu lesen. Die Erzählungen französischer Straflager- und Vernichtungslagergefangener und die damit verbundene Grausamkeit deutscher Soldaten (Menschen) begleiteten mich die letzten Tage. Gleichzeitig lasse ich hinsichtlich meiner Strapazen kein Jammern zu.


Ich habe heute Glück und finde nach 30km einen fast perfekten Platz für einen regnerischen Tag wie Heute: Ein Brücke. Unter der Brücke ist es trocken und ich habe einen 100% Sichtschutz. Ich wasche mich, hänge meine Kleider auf und lese das Buch in fünf Stunden fertig. Begleiten tut mich das Rauschen des Flusses. Wer denkt, dass dieses Rauschen immer leise und romantisch ist, darf sich die folgende Aufnahme einmal anhören. Ganz schön anstrengend, wenn man dieses Geräusch 15 Stunden im Hintergrund hat:


Flussgeräusch


2. Muschelessen

Der Spaß hat einen Namen: Muscheln


Nach einem gemütlichen Tag entlang der Küste entscheiden wir uns nahe am Meer das Zelt aufzuschlagen. Unseren Informationen nach soll es hier auch massenweise Muscheln geben. So machen sich Davide, Jo und ich auf, um unser Abendessen zu suchen. Nachdem Davide und ich nach 15 Minuten kaum eine Muschel gefunden haben, kommt uns Jo mit einer Handvoll Muscheln entgegen. „Ihr sucht an der falschen Stelle! Dort drüben ist alles voll!“ Und tatsächlich! Nach nur 15 Minuten hat jeder von uns eine Tüte voll mit Muscheln. Jetzt haben wir die Muscheln, jedoch habe ich keine Ahnung, wie man diese zubereitet. „Davide, hast du schon einmal Mauscheln zubereitet ?“, frage ich unsere italienischen Reisegefährten. “ Nein, ich habe keine Ahnung. Aber ich würde sagen, dass unserer französischer Freund die Führungsrolle übernimmt. Als Halbfranzose muss er wissen, wie man Muscheln zubereitet!“, antwortet Davide mit einem Augenzwinkern. „Jo, da du französisches Blut in den Adern hast, darfst du uns sagen, wie man Muscheln zubereitet“, rufe ich dem Quebecois Jo zu. “ Ich habe zwar weder Ahnung von Muscheln noch bin ich Franzose, aber na gut. Ich will es versuchen: Lass uns die Muscheln erst einmal waschen und dann kochen.“ Gesagt, getan! Und das Essen ist ein Genuss. Wir verschlingen eine Muschel nach der anderen. Da war unseres Gespür doch gut, die Zubereitung in die Hände Jo´s zu begeben. „Lass uns morgen früh gleich nochmal Muscheln zum Frühstück essen“, werfe ich noch während dem vorzüglichem Abendessen in die Runde. Das Essen ist einfach zu gut!
„Die letzten Muscheln gehen im heißen Wasser nicht auf, aber mit dem Messer kann man sie sehr einfach öffnen“, gibt uns Jo den Ratschlag für die letzte Runde. Und tatsächlich lassen sich die letzten Muscheln ohne jegliche Probleme öffnen.

Waschen, kochen und falls nötig mit dem Messer öffnen?


Mit vollem Magen und guter Laune legen wir uns ins Bett. Es war ein perfekter Tagesabschluss. Morgen werden Davide, Jo und ich unseren letzten Tag gemeinsam auf dem Rad verbringen und die Carretera Austral in Puerto Montt beenden. Doch nach 2 Stunden Schlaf merke ich, dass es mir nicht gut geht. Ich kann nicht schlafen und mein Magen hat nicht die beste Laune. Ich gehe aus dem Zelt und merke, dass ich mich übergeben muss. Das müssen die Muscheln gewesen sein. Ich lege mich wieder ins Zelt, merke aber schon bald, dass die Nacht eine lange sein wird. Nach 1 Stunde gehe ich wieder aus dem Zelt. Ich übergebe mich noch einmal. Jeden Augenblick erwarte ich die anderen beiden erbrechend aus dem Zelt steigen. Doch Jo schläft wie ein Stein und Davide scheint nur durch meine ungewöhnlichen nächtlichen Geräusche geweckt worden zu sein: „Alles klar, Freddy?, fragt Davide. Nein, bei mir ist nicht alles klar. Scheiß Muscheln. Noch 2 Mal steige ich heute Nacht aus dem Zelt, das macht insgesamt 4 Mal: Der Magen dürfte leer sein. Jo ist am Morgen völlig überrascht und wir machen gemeinsam ein bisschen Spaß über die Stärke der deutschen, italienischen und kanadischen Mägen. 1:0 für Kanada und Italien!
Es sind heute noch 71 km zu machen! Ich bin völlig zerstört und in solchen Momenten wünscht man sich ein schönes Bett im heimatlichen Deutschland. Doch Jammern hilft hier jetzt nicht: sich noch ein paar Witze anhören lassen ( „Lass uns nachher Muschel-Empanada essen!“ , „Machen wir heute Abend Muscheln?“) und dann rauf aufs Rad. Als wir nach 20 km an einem Bistro anhalten lege ich mich einfach nur mit em Kopf auf den Tisch und versuche zu schlafen. Bei mir geht gar nichts mehr! Nach 30 Minuten gehe ich raus, mir ist schlecht. Trotz heißem Wetter friere ich. Daraufhin teile ich Davide und Jo mit: „Leute, ich kann nicht mehr. Ich nehme die Fähre oder den Bus.“ Als ich jedoch am Hafen nach einer Fähre frage, bekomme ich zu hören, dass keine Fähre von hier aus nach Puerto Montt fährt. Aber ich könne mit dem Bus fahren. Nachdem ich wieder zum Empanada Bistro zurückkehre und meinen Kopf auf den Tisch lege, überreicht mir Davide alle möglichen Teesorten, die er noch in seiner Tasche hat. Wir machen aus, dass wir uns in Puerto Montt treffen. Währenddessen bereite ich den Tee zu. Ich fühle mich „wie Flasche leer“ und schlürfe am Tee.

Doch dann: Ich beginne zu schwitzen – der Tee tut mir gut. ich entscheide mich noch einen Kamillentee zu trinken. Der Tee wirkt! Als Davide und Jo schon halb auf dem Fahrrad sitzen, treffe ich eine spontane Entscheidung: „Jungs, ich komme mit euch! Der Tee fängt an zu wirken. Ich ziehe es durch!“
So schleppe ich mich mal besser mal schlechter Hügel für Hügel nach Puerto Montt. Am Ende des Tages bin ich aber froh mich in einem Bett ausruhen zu können.

3. Idylle

Idylle


Wir fahren in die Strandpromenade ein. Es kein „no campar“ Schild zu sehen und es gibt einige Grünflächen. Die Sonne scheint und wir haben noch einige Sonnenstunden. Was für ein Traum! Ich stelle mein Fahrrad ab, nehme meine Kamera und mein Fernglas in die Hand uns setze mich gemütlich auf einen Stein am Strand. Eine leichte Meerbrise zieht vorüber. Nach kurzer Zeit setzt sich auch Davide neben mir auf einen Stein. Er hat sein Tagebuch dabei und will die ruhige, gelassene Stimmung nutzen, um die Ereignisse der letzten Tage nachzutragen. Ich schieße ein paar Fotos, zücke mein Fernglas und betrachte die Insel Chiloé von der Ferne aus. Hier lässt sich der Abend verbringen. Dann kommt auf einmal Davide auf mich zu, sein linke Hand mit der rechten Hand haltend: “ i cut myself. Not in a good way!“ Blut läuft ihm herunter. Die Idylle hat von der ein auf die andere Sekunde starke Risse bekommen. “ I think i can feel my finger“. Wir laufen zu den Rädern zurück. Eigentlich wusste ich es schon zuvor, doch als ich die Wunde sehe wird mir klar: Davide muss ins Krankenhaus. Jo und ich schaffen es ihm mit einem notdürftigen Verband zu helfen. Man kann es Glück im Unglück nennen: Normalerweise campen wir weit weg von der Zivilisation. Hilfe von außen wäre zwar möglich aber sehr umständlich. Doch heute sind wir an einem Strand, an dem zumindest ein paar andere Menschen anwesend sind. Und als ein Chilene den blutenden Davide sieht, kommt er uns entgegen und bietet sofort sein Hilfe an. Wir treffen die Entscheidung, dass Jo mit den Rädern hier bleibt und ich Davide ins 10km entfernte Krankenhaus begleite. Also ab in das Familienauto.

Sekunden vor dem schmerzhaften Schnitt

Das Auto ist mir 9 Personen voll. Wir spreche kaum ein Wort. Davide hält den Verband fest um seinen Finger. Er regt sich auf, dass er sich geschnitten hat. Der Abend hätte doch so schön sein sollen. „It is what it is!“, sagte Douglas, ein Reisegefährte auf meiner ersten Reise nach China, immer in Situationen, die unangenehm waren, aber nicht verändert werden können. So gebe ich diesen Satz nun Davide weiter. Unser chilenischer Freund und Helfer fährt uns direkt in das Dorfkrankenhaus, bringt uns herein und hält ein kurzes Gespräch mit dem jungen Herrn in der Notaufnahme. Davide verschwindet mit ihm in das Patientenzimmer während ich noch kurz ein paar Worte mit unserem Helfer wechsele:
„Soll ich euch nachher wieder an den Strand zurückbringen?“ fragt er mich.
„Nein, nicht nötig! Vielen Dank!
“ Sicher?“
“ Ja, sie haben schon genügend für uns getan. Wir werden pe Anhalter zurückfahren!“
„Wirklich sicher? Du kannst dor meine Nummer aufschreiben und mich anrufen!“
„Nein, wirklich nicht! Vielen, vielen Dank! Schönen Abend Ihnen noch! Und nochmals Danke!“
„De nada. Buenas Tardes“


ich warte vor dem Patientenzimmer. Das Krankenhaus ist komplett leer. Hier in Chaiten scheint das Krankenhaus nicht europäische Standards zu haben, aber es sieht jetzt auch nicht wie in Murghab in Tajikistan aus. Ein junger Mann kommt vorbei und betritt das Patientenzimmer. Das muss des Arzt sein. Ich warte, schaue mir die Bilder auf dem Gang an und warte. Nach einer Stunde kommt Davide heraus. Er hatte Glück: Ein paar Millimeter weiter und die Zukunft des Fingers sähe nicht so blendend aus. So kann er mit ein paar Stiche und einen Verband das Krankenhaus mit ganzem Finger verlassen. Schöne Geste in dem sonst sehr teuren privatem Gesundheitssystem in Chile (so gehen viele Chilenen extra nach Argentinien, um sich dort kostenlos behandeln zu lassen, da sie die hohen Kosten in Chile nicht bezahlen können): Die Behandlung war kostenlos. Wir verlassen um 20.00 Uhr das Krankenhaus und wollen weder zurück zum Strand. „Ich bezahle ein Taxi!“, sagt Davide keine 20 Sekunden nachdem wir das KH verlassen. “ Nicht nötig, Davide. Lass es uns per Anhalter probieren.“ Wir laufen an die Ortsgrenze und halten den Finger heraus. Doch kaum ein Auto fährt um diese Zeit noch. So sitzen Davide und ich mit Flip Flops am Straßenrand und warten und warten und warten. „Hätte ich doch das Angebot unseren chilenischen Fahrers angenommen“, denke ich mir während wir von den wenigen Autos die passieren ein Absage bekommen (meist, weil sie wieder zurückkommen. Die Straße führt nur zur 40 km entfernten Fähre. Die nächste Fähre geht erst wieder am nächsten Morgen). „Ich versuch ein taxi zu organisieren“, teil mir Davide mit während er aufsteht und zum nächsten Restaurant geht. Doch er kommt mit hängendem Kopf zurück: “ Es gibt hier keine Taxis!“. „Lass es uns noch 30 Minuten probieren. Falls uns keiner mitnimmt laufen wir halt die 10 km die Straße entlang. Die zeit vergeht und nach 30 Minuten nimmt uns immer noch keiner mit. zu unserem pech stellen sich auch noch 3 andere Männer neben uns hin, um per Anhalter mitgenommen zu werden. 5 Männer!?!?! Uns nimmt bestimmt keiner mit. “ Lass uns noch 3 Autos abwarten. Wenn uns dann keiner mitnimmt, laufen wir.“ Das erste Auto passiert. Das zweite Auto passiert. Das letzte Auto kommt angefahren. Doch was ist das? Der weiße Pickup hält an: “ 3 auf die Rücksitze und die anderen zwei sollen hinten auf die Ladefläche“, teilt uns der Fahrer mit. Wir können unser Glück kaum fassen und setzen uns grinsend auf die Rückbank. Um kurz nach 9 können wir dann noch die letzten Sonnenstrahlen am Strand genießen. Was für ein verrückter Tag!

Am morgigen Tag fährt Davide mit nur einer Hand die meist unbefestigte Straße entlang. Immer weiter gen Norden.


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