“ Ich schlage nicht vor, dass wir wieder in Höhlen und Strohhütten leben. Überhaupt nicht. Das ist nicht die Idee. Ich empfehle, dass wir endlich aufhören unsere Ressourcen für nutzlose Dinge […] zu verschwenden.“

Jose Mujica, ehemaliger Präsident von Uruguay, 2010-2015
Lagerfeuer am Abend

Es ist Abend geworden und so bauen wir das Zelt nahe eines Flusses auf. Am Fluss können wir unsere Waservorräte auffüllen, baden (bei meist eiskaltem Wasser) und oft auch gut brennbares Holz finden, welches sich für das spätere Feuer eignet. Es ist einer dieser Abende, die die romantischen Vorstellungen des Lebens in der Natur wahr werden lassen. Es wird Wasser aus dem Fluss genommen und zum Tee erwärmt. Das Zelt am Flusse stehend wird ein Feuer entfacht, welches uns sowohl das Grillen ermöglicht als auch zu Gesprächen anregt. Egal mit wem man ein Feuer entfacht, ob jung oder alt, weiblich oder männlich – es hat immer eine magische Anziehungskraft. Wir sind nicht mehr zu zweit. Davide, 26 Jahre alt und aus Italien stammend, hat unsere Reisegruppe seit 2 Wochen verstärkt. Mit großer Weit – und Weltsicht ausgestattet, mal tolpatschig, aber immer hilfsbereit und freundlich ist Davide ein äußerst positiv wirkende Kraft in dieser menschenarmen Gegend am anderen Ende der Welt. Auch die Küche wird durch den „Mister Olivenöl“ aufgewertet. So sitzen wir also zu dritt um das Feuer, bestaunen das Feuer und die Glut und lassen den Moment auf uns wirken. Chile-ein Land der Träumer, der Abenteurer und Naturliebhaber? ich könnte wie warhrscheinlich der Großteil der Reisenden nun mit einer Lobeshymne auf diesen Teil der Erde beginnen, doch dies wäre meines kritischen Blickes nicht würdig. So hat auch dieser Teil der Erde meines nach Freiheit strebendes Herz verletzt. Es ist die Geschichte des chilenischen Zauns:

Neue Zäune sind höher und in allen Bereichen mit Stacheldraht ausgestattet


Die Idylle am Fluss ist gar nicht so einfach zu erreichen, denn ähnlich wie in Argentinien, ist auch hier der überwiegende Teil des Reiseweges rechts und links durch einen mit Stacheldraht ausgestatteten Zauns begrenzt. „Propiedad privada“ “ No Pasar“ ist meist an diesen Zäunen zu lesen. Noch besser als in Argentinien sind diese Zäune vor Eindringlingen geschützt. Es zumindest mein Eindruck, dass es hierbei weniger darum geht, Tiere vor dem Davonrennen zu hindern, sondern eher darum, Reisende den Eintritt in privates Gebiet zu erschweren. Neue Zäune sind höher und in allen Bereichen mit Stacheldraht ausgestattet. So ist es nicht einfach ein Idyll am Fluss zu finden. Nicht selten muss dafür in schneller Aktion das Fahhrad mit Gepäck über den Zaun transportiert werden. So ist es auch das erste Mal seitdem ich mit dem Fahrrad reise, dass uns Anwohner dazu aufforderten, die Zelte abzubauen und in der Nacht sich ein anderes Quartier zu suchen. Und in diesem Fall waren wir an einem öffentlichen Flussbereich. Ein sehr seltenes Ereignis unter Reiseradler (in seltenen Fällen kann es in manchen Ländern vorkommen, dass die Polizei das Campen verbietet, meit daraufhin aber ein Schlafplatz, z.B. in der Polizeistation anbietet). Zwei weitere Male wurden wir darauf hingewiesen, dass dies Privatgrundstück bzw. Campen verboten sei, konnten uns aber teils über Umwege für eine Nacht dort aufhalten. Es hat sich ein System hier im Süden Chile entwickelt, welches nicht von jedem kritisch betrachtet wird: Die Straßen sind wie angesprochen rechts und links durch Zäune begrenzt. In regelmäßigen Abständen finden sich aber privat organisierte Campingplätze,“Hospedaje(n)“ (meist sehr dürftig ausgestattet, aber teuere Übernachtungsmöglichkeiten bei Familien), in größeren Dörfern vlt. auch ein kleines Hotel. Will man sich also rechts und links der Straße sich die Lanschaft genauer ansehen, wird Geld verlangt. Aufgrund der zahlreichen Gletscher, Vulkane oder Nationalparks eine ständige Verlockung. Selbst Pinguine werden für den Besitzer des am Meer liegendem Gründstücks dann zur lohnende Einnahme. Willst du die Pinguine sehen, musst du 20 Euro bezahlen. Dieses System ging sogar soweit, dass an einem Wasserkocher in einer „hospedaje“ die Zahl „500 $“ angebracht war. „Einmal heißes Wasser?“- „500 Pesos (75 Cent), bitte“. Absurd!


Man stelle sich dieses System von Zäunen, Privatgrundstücken und Geldeinnahmequellen in Deutschland oder der Schweiz vor. Für mich hat sich hier im Süden von Chile ein Verkapitalisierung von Flora und Faune druchgesetzt, die ich bisher noch nicht gekannt habe. Doch bevor ich dieses System kritisiere, möchte ich mich in die hier lebenden Menschen hineinversetzen und diese verteidigen.

Nationalparks helfen dabei ,Touristenströme zu regulieren und die Natur zu schützen


Das Gebiet der „Carretera Austral“ besteht aus 91% aus Nationalparks und ist in großen Teilen noch unberührt von menschlicher Hand. Dies soll auch nach den Wünschen vieler hier lebenden Menschen wie z.B. die Philanthropen-Familie „Tompkins“* (* Douglas Tompkins kaufte v.a. in Chile riesige Landflächen auf, um diese in Nationalparks zu verwandeln und somit zu schützen. Dabei war es das oberstes Ziel die patagonische Natur vor den wirtschaftlichen Interessen gewisser profitorientierten Unternehmen zu schützen), große Teile besessen hat oder besitzt, so bleiben. 91% der Fläche durch die die Carretera Austral geht, sind Nationalparks oder geschützte Gebiete. Eintritte und Absperrungen helfen dabei, Touristenströme zu regulieren und die Natur zu schützen. Gleichzeitig hilft dieses System auch, Einnahmequellen für die hier lebenden Famiien zu generieren. Die jahrzehntelang von mittleren und nördlichen Teil Chiles abgeschottete Region mit ihrer hart arbeitenden und armen Bevölkerung hat es verdient, vom stark ansteigendem Tourismus zu profitieren. Hier geht das Geld über Campingplätze oder „hospedajen“ direkt an die Familien und nicht an große Hotelketten. Das „System des Zauns“ schützt diese Einnahmequelle und verhindert zeitgleich eine Verdreckung der umliegenden (privaten) Natur durch Reisende. Ist das System des Zauns, der Ausgrenzung und Abgrenzung also die einzige Möglichkeit diese Naturparadies zu erhalten und gleichzeitig die dort lebende Bevölkerung zu unterstützen?

Auf den Säntis laufen? „10 Euro, bitte!“


Es wäre meiner Meinung nach eine schlimme Entwicklung, wenn dies der Fall sein würde. Man stelle sich dieses System des Zauns mal hier in Deutschland oder der Schweiz vor. Auf den Säntis laufen? 10 Euro bitte! Wälder, Wiesen, Berge durch Zäune abgegrenzt und nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein System, das vor allem wieder Menschen mit wenig Auskommen aus diesen Gebieten ausgrenzt. Doch bevor ich weiter eine Gegenposition vertreten werde muss gesagt werden, dass meine Wahrnehmung aufgrund meiner vorherigen Reisen als Reiseradler geprägt ist: Die weiten Landschaften im Osten Europas, in denen Kühe, Schafe, Ziegen oder eben auch ich als Reiseradler ohne jede Beschränkung in den weiten Graslandschaften mitten in der Natur übernachten können. Oder in den muslimischen Ländern, in denen „der Reisende“ einen sehr hohen und wertschätzenden Status innehat. Der konträre Fall habe ich so v.a. auf der Carretera Austral erlebt. Trotz der dünn besiedelten Gegend (weniger als ein Mensch pro Quadratkilometer) war das Suchen eines (freien) Zeltplatzes mit Schwierigkeiten verbunden. Menschen machten einen meist verschlossenen und nicht sehr herzlichen Eindruck. Ihre meist großen Grundstücke bauen sie zu Orte der Abschottung um/aus. Ich habe das Gefühl, dass ein Großteil der hier lebenden Menschen den größer werdenden Ansturm von Touristen nicht wirklich gutheißt, aber mehr und mehr das finanzielle Potential dieses erkennt und sich deshalb dafür öffnet ohne jedoch vom Herzen den Tourist/Reisenden willkommen zu heißen (eine andere Reiseradlerin hat hingegen andere Erfahrungen gemacht: sie wurde öfters eingeladen und ihr wurde immer wieder geholfen). Beeinflusst durch diese Erfahrung möchte ich zu meiner Gegenposition zur Ausgrenzung der Öffentlichkeit von Naturlandschaften unter mitunter finanziellen Gesichtspunkten kommen.

Der Aufbau von Wissen und Wissen als Grundlage


Die Natur als Solches muss für alle Menschen zugänglich sein, Allgemeingut bleiben, denn sie kann (im großen Stile) keinem gehören. Um aber die negativen Auswirkungen auf die Natur einzudämmen bzw. zu verhindern bedarf es Maßnahmen des Staates, die zum einen das Wissen und Gewissen der Menschen, zum anderen die umweltfreundliche Infrastruktur der Naturlandschaften und den Schutz vor Großinvestoren betrifft. Vor allem erstere Maßnahme halte ich für die Entscheidende! Wer sich die Folgen seines Handelns bewusst und mit seinem Gewissen konfrontiert wird, nur der wird letztendlich sein Handeln umweltschonender umgestalten können. Eine Ausgrenzung von Menschen zum Schutze der Natur setzt nicht an der Ursache, sondern an den Symptomen an. Die Verdreckung, Vermüllung und Zerstörung der Natur hat ihre Ursache in der konsumbasierten Wirtschaftsordnung. Wollen wir wirklich unsere Natur schützen, müssen wir hier ansetzen. Für die Carretera Austral könnte das heißen: Der Staat Chile muss viel größere, weitreichendere Maßnahmen ergreifen, um wirklich die Natur zu schützen (aufbauend auf Wissen und Gewissen, weitreichende wirtschaftsverändernde Maßnahmen). Des weiteren können in Patagonien starke Regulierung von Autos und neuen Gebäuden bzw. der Ausbau/Aufbau von Kläranlagen/Filteranlagen helfen, die Natur zu schützen. Selbst der Nicht-Ausbau der Straßen wäre eine Möglichkeit. Große und weitreichend verteilte umweltaufklärende Verhaltensplakate könnte präventiv wirken. Das Einkommen der Anwohner wäre durch einen freien Zugang in die Landschaft nicht gefährdet, denn nur eine geringe Anzahl der Reisende erwägt das „Wildcampen“. Die meisten Menschen bevorzugen eine doch etwas „luxuriösere“ Übernachtungsform. Denn nicht jedem liegt das Waschen in einem eiskaltem Gletscherfluss.


Wenn man wirklich die Natur schützen will, sollte man nicht das „Wildcampen“ naturbewusster Reisende eindämmen, sondern wirksame Maßnahmen gegen global agierende naturzerstörende Großunternehmen treffen. Denn es gibt (bei einigen Grundregeln) wohl keine naturschonendere Lebensform als das freie Campen in und mit der Natur. Denn das Übernachten in einer Hospedaje, einem Hotel oder einem Campingplatz lässt uns zwar denken, wir würden umweltschonender agieren, doch in Wahrheit handeln wir umweltschädlicher. Denn alleine die ständige Infrastruktur des Gebäudes oder das Abwasser, das oft direkt in die Flüsse/Seen/Meere gelangen, sind wesentlich schädlicher. Wir denken, wenn wir Shampoo in der Dusche benutzen oder den Plastikmüll in den Müll werfen, ist die Natur von der Zerstörung ausgenommen. Doch in Wahrheit wandert der das (Micro-) Plastik oft direkt in die Natur. Also auch hier sind wieder der Aufbau von Wissen und Gewissen in Verbindung mit einer gesetzlichen Regulierung gefragt.

Sie gehört Allen und Niemanden zugleich


Ein Wald kann zwar im Privatbesitz sein, muss aber für die Öffentlichkeit frei zugänglich sein. Eine Natur-Ressource, die ohne menschlichen Handelns besteht ( Berg, Fluss, wilde Tiere, etc.), darf niemals von Menschen für profitorientierte Zwecke in Verbindung mit derer Ausgrenzung missbraucht werden*. Denn sie gehört Allen und Niemanden zugleich. Es ist dabei die Pflicht des Staates und des Einzelnen dieses Naturgut zu schützen ohne dabei andere (z.B. auch zukünftige Generationen) davon auszuschließen.

*Ausnahmen können Ressourcen sein, die gewonnen oder abgebaut werden müssen

Anbei ein kleiner Bilderausschnitt des 2 Abschnitts meiner Reise auf der Carretera Austral ( auf Wunsch wieder mit einem Musikvorschlag 😉 und einigen wenigen Tieren). Ich befinde mich im Moment in Puerto Vargas und werde mich bald weiter gen Norden aufmachen. Ich hoffe hier auf größere Interaktionsmöglichkeiten mit den Menschen zu stoßen.



6 Kommentare

Susann · Februar 4, 2019 um 8:46 pm

Überragend! 🙂

Marix · Februar 5, 2019 um 6:12 am

Top 4 Bilder: Lama, Wasserfall, Muschel und die Crew vor Ihren Fahrrädern posierend. Wieder mal ein stark politisch orientierter und ausführlich erzählter Bericht. Der Zaun scheint fast von ähnlicher Tragkraft zu sein, wie die fortlaufenden Diskussion über den West-Ost Zaun „Mauer“ ein paar tausend Kilometer nördlich von euch.

Wenn ich das letzte Bild der Galerie anschaue frage ich mich wie lange deine Haare im Sommer sein werden…

Viel Spass weiterhin und lasst euch vom Zaun nicht runterkriegen.

Stay real and spread that message
Marix

    Frederic Fritz · Februar 12, 2019 um 4:06 pm

    Thanks!
    Meine Haar wachsen und wachsen. Die Mähne ist mittlerweile echt lang 🙂

    Der Zaun der Zaun! Ist echt schlimm hier. ALLE Straßen sind rechts und links durch Zäune begrenzt.

    Bis im Sommer am Bodensee!

Irmgard und Martin · Februar 10, 2019 um 5:56 pm

Endlich haben wir uns Zeit genommen einen Teil deines Reiseberichtet zu lesen. – Die Bezeichnung Reiseadler finde ich sehr treffend und deine „Sichtweise“ macht nachdenklich. Die Foto`S sind sehr eindrucksvoll und die musikalische Untermalung ist passend.-Gutes „weiter Adlern“.

    Frederic Fritz · Februar 12, 2019 um 4:08 pm

    Vielen Dank für das positive Feedback 🙂
    Freut mich zu hören, dass die Familie wächst und wächst.
    Bis im Sommer in Konstanz 🙂

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