Eines, wenn nicht DAS, berühmteste Refugio für Fahrradreisende in Südamerika!

Ich werde mal wieder zur Maschine, zumindest fühle ich mich so. Ich trete und trete und trete. Das Ziel Rio Grande fest im Blick haltend, fahre ich fast ohne Pause die endlosen Straßen entlang. Als ich schlussendlich nach heutigen 140 km in die Stadt einfahre, fühle ich mich in eine vergangene Zeit versetzt. Alte, rostige Straßenlaternen beleuchten schon 20 km vor der Stadt die Straßenallee. Völlig überdimensioniert und energieverschwendend wirkt dies auf mich. „Vielleicht ein Relikt der Militärdiktatur“, denke ich mir beim Hinein-und Herausfahren.
Einen Tag später dann etwas Neues: Nach 3 Monaten endlich ein Staatenwechsel. Ohne größere Probleme fahre ich in Chile ein. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie wirkt die Umgebung bei einem Staatenwechsel sofort anders auf einen. Zwar ist die „Zaunpolitik“ auch in Chile allgegenwärtig, aber dir Natur wirkt anders auf mich. Schön hier in Chile ist, dass es extra für (Fahhrad-) Reisende sog. „Refugios“ in regelmäßigen Abständen gibt. Diese geschlossenen Räume bieten Windschutz und geben Wärme in der kalten, kargen und windreichen Region. Da im Süden des südamerikanischen Kontinents die Landfläche immer schmaler wird und auch die Andenkette flacher wird, fegt der von den Ozeanen kommende Wind kräftig übers Land und wird durch einen kalten und einen warmen Luftstrom zusätzlich angetrieben. Die Refugios werden zum Ort der Stille, der Geborgenheit und der kostenlose Fürsorge für Reisende.


Eines Abends komme ich vor einem dieser Refugios an. Als ich die Tür öffnen will, ist diese verschlossen. Ich rüttel weiter kräftig daran, wohl wissend, dass ich auf diesen windgeschützten Ort angewiesen bin. Doch die Tür will sich nicht öffnen. Als ich durchs kleine Fenster schaue, kann ich 2 Gestalten erkennen. Sie öffnen von innen und heißen mich willkommen. Es ist Jean-Pierre und Nathalie, die ich mitten in der Steppe des Feuerlands in einem einsamen Refugio treffe. Jean-Pierre ist 60 Jahre alt und schon 2 Mal um die Welt gereist (mehr als 100 000 km), Nathalie ( 54) hat vor 1,5 Jahren zum Reiseradeln gefunden. Gemeinsam wollen sie das restliche Leben reisend verbringen. Die Herzlichkeit Jean-Pierrre lässt mich seine große Reiseerfahrung spüren. Der 1,60 große Mann ist ein ganz Großer für mich! Ich freue mich über die abendliche Unterhaltung, den Austausch und den wichtigen Informationen für meinen weiteren Reiseweg. Um nur einen mittelstarken Wind zu bekommen, brechen sie schon morgens früh um 6 Uhr auf. Entgegen meiner Richtung! „Buen vieaje!“


Mein Tacho zeigt 140 km an als ich in Rio Grand einfahre. Heute habe ich mir mal eine Übernachtung in einem Hostel, Campingplatz oder Hotel verdient. Als ich jedoch in der ersten „hospedaje“ ankomme, vergeht mir meine Freude der gemachten Kilometer. Ohne Fenster, dreckig und wie in einem Käfig sind hier Zimmer an Zimmer gereiht. Ich gebe die Hoffnung nicht auf und gehe zur nächsten „hospedaje“, die ich mir finanziell leisten kann. Als hier die gleichen Bedingungen sichtbar werden, bin ich schwer enttäuscht. 15 Euro für eine Übernachtung im Käfig? Ich sollte eine Entschädigung bekommen hier zu übernachten. Es ist zwar schon 19 Uhr, aber mein Willen ist stark. Ich werde hier nicht übernachten. Diese Stadt hat keine Herberge für mich. Lieber schlafe ich in meinem Zelt irgendwo im Nirgendwo. Doch die Sache hat eine Tücke: ich muss 10 km aus der Stadt fahren und das gegen einen Wind, besser gesagt gegen einen Sturm ( an 300 Tagen im Jahr hat der Wind hier Sturmgeschwindigkeiten). Doch ich fühle mich sark genug und nehme die Herausforderung an: Kilometer für Kilometer kämpfe ich mich aus der Stadt. Die Häuserbesiedlung wird dünner, der Wind wird stärker. Ich kann an der rechten Stelle einen Graben erkennen, der einen windgeschützten Platz für mich haben könnte. Als ich das Fahrrad abstelle und den Platz begutachte merke ich schnell, dass auch hier der Wind wütet. Vor mir ist eine Tankstelle. Es ist 20.10 Uhr als ich an der Tankstelle ankomme, mich in das Bistro setze und erst einmal ein Cola trinke und Empanadas esse. Nun gilt es kühlen Kopf bewahren und sich einen Plan zu schmieden: Ich werde noch 3 km gegen den Sturm fahren, danach habe ich den Sturm im Rücken. es wird noch bis um 22 Uhr hell sein, d.h. ich habe noch mehr als 1,5 Stunden zum Fahren. Das größte Problem wird das Aufschlagen des Zeltes sein: Ich brauche einen windgeschützten Platz. Ich bediene mich der App „I Overlander“, die weltweit Campingorte anzeigt und entdecke dann folgendes: in 36 km Entfernung gibt eine Estancia(Farm), in der der Besitzer „Thomas“ Fahrradreisende in einer kleinen Hütte kostenlos unterbringt. Mir wird sofort klar, dass das die Lösung ist. Ich esse alle zur Verfügung stehenden Empanadas (Teigtaschen) des Bistros auf und werfe mich aufs Rad! Ich bin im Tunnelmodus, das Ziel fest im Blick.

Die erste Hürde ist genommen, ich habe dir Kurve erreicht und biege mit der Windrichtung ein. Wuuuuuuuuum! Der Wind dürckt mich mit 40 km/h ordentlich nach vorne. Erst eine Polizeistation kann mich stoppen. Der freundliche Polizeibeamte läd mich ein, Schutz vor dem Wind in der Polizeistaion zu suchen. Eine nette Geste, doch ich muss vorwärts. Ich will nicht im Dunkeln in der Estancia ankommen. Aber ich kann die Einladung eines Polizeibeamten auch nicht ausschlagen, also steige ich ab und unterhalte mich einige Minuten mit dem Beamten gebe ihm aber dann zu verstehen, dass ich weiter muss. Ich reiche ihm die Hand, bedanke mich und fahre dann mit einer Durschnittsgeschwindikeit über 30 km zur Estancia. Die abendliche Stimmung während der Fahrt war atemberaubend, doch nun gilt es einen Platz zum Schlafen zu finden. Als ich in die Estancia einfahre zeigt der Tacho 184 gefahrene Kilometer an. Ein neuer Rekord! Mehr als 10 kleine und große Häuser besitzt diese Estancia. Wo soll ich nach Thomas fragen. Die Dämmerung hat angefangen und fahre zum ersten Haus, vor dem ich ein Auto sehe. Ich steige ab und bewege mich auf das Haus zu. Plötzlich steht an Mann vor mir. Ist das Thomas? Ich reiche ihm freundlich die Hand, lächele und frage ihn, ob ich hier schlafen könne. Der etwas grimmig anschauende Mann verweist mich darauf, dass ich Thomas fragen müsse. Doch in welchen dieser Häuser ist Thomas anzutreffen? Der Mann verweist mich auf ein nahegelegenes Haupthaus. Durch eine Baumalle fahrend, kann ich vor mir ein Schuppen erkennen. Ein Generator läuft geräuschvoll. Dann entdecke ich auf der rechten Seite ein Haus, in dem ein alter Mann in der Küche steht. Ich will ihn nicht erschrecken und klopfe nicht direkt ans Küchenfenster, sondern an ein weiter entfernteres. Erst nachdem ich ein zweites Mal klopfe, hört er mich. Schwerfällig macht er sich auf zur Tür. Das gleiche Spiel wie vorhin: Die Hand schüttlen, lächeln und nach Obdach fragen. Etwas überraschend gibt mir der alte Mann zu verstehen, dass es schon spät sei und ich auf gar kein Fall hier campen könne. Das erlaube er nicht. Es gibt einen Haus, aber es sei schon spät. „Das ist jetzt nicht dein Ernst? Will dieser Herr (Thomas?) mich jetzt wirklich noch so spät fortschicken?“, denke ich mir. Doch dann taucht hinter mir ein Mann auf, der freudlich lächelt und dem älteren Herrn mitteilt, dass es kein Problem sei hier zu übernachten. Es ist Thomas! „Folge mir mit dem Fahrrad!“, fordert er mich freundlich auf. „Hier ist die Hütte mit Betten und einem Ofen! Dort hinten sind die Toiletten und warme Duschen! Auf dem Tisch liegt ein Gästebuch! Bitte verschließe die Tür, wenn du morgen früh das Haus verlässt!“, klärt er mich freundlich auf  “ Vielen Dank, Thomas. Du hast ein großese Herz.“ antworte ich ihm und kann mein Glück kaum fassen. Ich habe es geschafft! Jetzt erstmal eine warme Dusche. Unter der Dusche will das Wasser einfach nicht warm werden. Naja, dann halt eben eine kalte Dusche. Das bin ich gewohnt und macht mir nichts aus. Erst später bemerkte ich den Gasboiler, schaffe es aber nicht ihn anzustellen. Egal, auch heute schlafe ich wieder glücklich ein und lasse den Wind vor der Türe. Möge der Wind morgen mit mir sein.

Bäume, Flüsse, Berge! 150 km vor Ushuaia ändert sich endlich die Landschaft. Es wirkt vitalisierend auf mich.

Landschaftswechsel 180 km vor Ushuaia

Immer mehr Fahrradreisende kommen mir entgegen. Sie alle starten im Sommer in Ushuaia und machen soch auf gen Norden. Für den ein oder anderen wird es bis in den Norden Kanadas gehen. Man hält an, tauscht sich aus und wünscht sich gute Reise. Es ist schön ein Teil dieser Reisenden zu sein. Über den Austausch mit anderen Reisenden finde ich auch zu dieser Übernachtungsstätte


Ich lege mich gerade schlafen. als es auf einmal draußen an der Tür klopft. Ich mache die Tüt auf und eine Frau steht vor der Türe. Ob sie einen Tisch aus dem Haus nehmen könne, fragt sie ganz höflich. Selbstverständlich, das Haus gehört ja nicht mir. Daraufhin läf sie mich spontan zum „Hasado“ (Grillen) ein. Ich verneine, da ich heute meine Ruhe genießen will Da sie aber darauf besteht, sage ich dann doch zu, trage mit ihr den Tisch an den Strand und begrüße die anderen. Nach einer kurzen Einführungsphase ist es dann etwas schwierig für mich ins Gespräch zu kommen, da nicht so viel Interesse an mir gezeigt wird. Nach und nach kommen immer mehr Leute dazu. Am Ende sind wir dann etwa 18 Leute. Da Ein Lamm gegrillt wird, welches mindestens 4 Stunden dauert, wird lange auf das Fleisch gewartet. Ich setzte mich um das Feuer und versuche immer mal wieder mit der ein oder anderen ein Gespräch anzufangen, aber im Großen und Ganzen geht es nicht über kleine Small-Talk Gespräche hinaus. Das ist dann nicht so angenehm für mich, da ich mich ein bisschen verloren fühle. Die Gastfreundschaft in diesem Fall ist etwas reservierter und ist so ganz anders als die Erfahrungen, die ich schon zuvor gemacht habe. So versuche ich mich behilflich zu zeigen, sammle Holz und leiste dem Stummsten von allen, Matthias dem Grillmeister(Maestro de hasado) , etwas Gesellschaft. Ich beobachte das Feuer, das innere und äußere Wärme spendet, und lasse meine Gedanken kreisen. Eigentlich will ich ins Bett, da ich auch schon total voll bin und wenig Appetit habe. Nachts um halb 1 ist dann das Lamm und weiteres Fleisch fertig. Endlich!. Mir wird immer wieder ein Fleischbrocken (anders kann ich es nicht beschreiben) in die Hand gedrückt und ein Stück Brot. Ich esse genüsslich, auch wenn mir das Fleisch schon besser geschmeckt hat. Da ich nun nach dem Essen nicht einfach gehen kann setzte ich mich noch für eine Stunde mit den anderen ums Feuer. Es ist eine stille Runde, sehr wahrscheinlich auch dadurch bedingt, dass sich nicht alle Parteien kennen. Ich denke zurück an die Zeiten in der Türkei und die ganz andere Stimmung und Inkludierung meiner Person. Und vermisse diese Zeit! So ist es mir dann auch unangenehm als ich nach längeren Stillschweigen der gesamten Gruppe auf einmal ins Zentrum rücke. Eigentlich will ich ins Bett, doch davor darf ich noch meine Erfahrungen über die Menschen in Argentinien (welche ich immer ehrlich beantworte) mitteilen und ein paar persönlichen Fragen beantworten und ein paar Witze über mich anhören. Irgendwann schaffe ich dann den klassischen „Freddy Absprung“: Ich stehe abrupt auf und verlasse den Kreis mit einem gesagten Dankeschön und wünsche den Damen und Herren noch einem schönen Abend. Man sieht sich am nächsten Morgen.

Abendstimmung 

Die Nacht ist dann unruhiger als geplant, da der Wind die Wellen immer wieder gegen und unter die Behausung schlägt. Am Morgen gehe ich dann erst einmal nicht zur Gruppe des Vorabends zurück, sondern frühstücke lieber alleine. Matthias kommt vorbei und wir haben noch eine sehr angenehme Unterhaltung. Er ist ein guter Mann. Scheint ein hart arbeitender, ehrlicher und warmherziger Mensch zu sein. Ich packe meine Sachen, veraschiede mich von allen Beteiligten mit einem „abrazo“ (Kuss auf die Wange) und steige aufs Rad. Die letzte Etappe nach Ushuaia. Heute Abend wartet eine Dusche und ein Haus auf mich. Julietta, die ich in Bariloche in einem Hostel kennengelernt habe, hat mich in ihre WG eingeladen.

Thommy weiß es: Wenn das Ende naht, dann merkt man auf einmal die Strapazen der vorangegangenen Tage. Mein Körper ist müde. Er braucht Ruhe. Als ich dann endlich vor den Eingangstoren der Stadt Ushuaia stehe, bin ich stolz auf mich und freue mich auf Tage der Ruhe und Entspannung. Ich bin am Ende der Welt angekommen! Nach 4300 km gefahrenen Kilometern! Von Ushuaia aus werde ich dann vorerst nicht mehr alleine unterwegs sein. Jo wird am 13. Dezember aus Kanada einfliegen. ich freue mich auf die Tage des Lachens, des gemeinsamen Leidens und gemeinsam erlebter Abenteuer! Neue Abenteuer ihr könnt kommen!


7 Kommentare

Mowgli · Dezember 19, 2018 um 8:45 pm

Macht mal wieder sehr viel Spaß deinen Geschichten zu lauschen, stelle mir vor wie du es mir persönlich erzählen würdest. Auf dem weg zurück wird der Wind dann in deinem rücken sein, weiterhin viel Spaß beim ABENTEUERN mein Freund, bleib gesund

    Frederic Fritz · Dezember 21, 2018 um 2:47 am

    Danke! Danke! ich werde mein Bestes tun, um gesund zu bleiben 🙂

marki-mark · Januar 4, 2019 um 6:06 am

Fredy ganz stark! Ich weiß wie es da unten windet 😀
Gönn dir en Radler! Vielleicht bis die Tage.

Cheers aus HN

    Frederic Fritz · Januar 7, 2019 um 7:50 pm

    Hahah Danke!
    Leider wurde ich die letzten Tage schwach und habe eine Mitfahrgelegenheit in Anspruch genommen. Der Wind war einfach zu stark

Marix · Januar 15, 2019 um 6:05 am

Super Leistung! Deine Bilder werden von Artikel zu Artikel besser und sehen schon richtig professionell aus. Immer weiter üben und viele Bilder machen! Vielleicht ist ja Fotograph deine Berufung…

CBD products · März 23, 2020 um 9:31 pm

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