Mein 5-Sterne Hotel 

Nun habe ich es also getan: Den Bus genommen! Die Entscheidung den Bus zu nehmen fiel mir schlussendlich gar nicht so schwer. Zum einen war ich des Fahrens in den endlosen Weiten der Pampa müde, zum anderen wollte ich Mitte Dezember in Ushuaia sein und die Zeit lief mir etwas davon. Doch der ausschlaggebende Grund war der Wind. Immer wieder wurde ich zum Spielball des Windes, der mich und mein Fahrrad mal unterstützte, mal von der Seite in Richtung Autos drängte oder mir frontal entgegenpeitschte. Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 km/h machten das Fahrradfahren an sich zu einer echten Herausforderung. Das Aufschlagen des Zeltes in den nicht windgeschützten Weiten der Pampa zur täglichen Grundproblematik. Doch das schlimmste war der ständige Geräuschpegel und die Kälte die ein solcher konstanter Wind mit sich bringt. Dies führte dazu, dass ich mich für 600 km in den Bus setzte. Und ich genoss es! Wohl wissend, dass ich zwei Hauptatouristenorte (Calafate, El Chalten) zu einem späteren Zeitpunkt besuchen würde, warf ich mich von El Calafate aus wieder auf meinen Packesel.


Die Kraft des Windes im Rücken zu spüren, ist ein gutes Gefühl. Ich fühle mich fast schuldig als mir ein deutsches Radler-Ehe-Paar entgegenkommt. Die Stimmung bei diesen beiden ist am Tiefpunkt, denn sie müssen sich noch 30 km bis nach El Calafate kämpfen. Während ich mit fast 40 km/h vorankomme, fahren diese fast 6 Mal so langsam und verbrauchen viel mehr Energie. „Ab Calafate nehmen wir den Bus!“, sagt die Frau in einem kurzen Gespräch entschlossen.

(scheues) Guanaco – (weiter komme ich mit meiner Kamera nicht ran)


Die Pause in Porito Moreno und die Busfahrt nach Calafate haben mit gut getan. Mit neuer Kraft fahre ich gelassen den ersten längeren Anstieg hinauf. Doch kurz nach dem Gipfel ändert sich die Windrichtung und ein leichter Gegenwind kommt mir entgegen. Wohl wissend, dass der Wind die nächsten Tage auf meiner Seite sein wird, entscheide ich mich schon früh das Camp aufzuschlagen. An einer alten Brücke und in einem Flussbett finde ich ein Zeltplatz, der mich halbwegs vor dem Wind schützt. Ein Guanaco (südamerikanische Kamelart, die einzig ursprüngliche! Bei den Lamas hat der Mensch interveniert) beäugt krtisch mein Treiben und das Eindringen in sein Territorium. Guanacos leben entweder in Herden oder Alleine. Dabei sind die Männchen entweder die Glücklichen oder die Einsamen, denn jede Herde hat nur ein Männchen. Kann ein Männchen keine Herde durch einen Kampf mit dem „Guanaco-Herdenführer“ gewinnen, muss es alleine und einsam in der Steppe leben. Daneben gibt es aber auch Macho-Herden, die in großen männlichen Gruppen zusammenleben. Oder eben ein Männchen zum Kampf herausfordern. Neben den natürlichen Feind, dem Puma, ist im Leben der Guanacos „der argentinische Zaun“ zum lebensbedrohlichen Objekt geworden: Bei (gefühlter) Bedrohung können sie aufgrund des Zaunes zwischen der der Straße und den Weiten der argentinischen Pampa nicht leicht entkommen und hetzen dem Zaun entlang immer auf der Suche nach einer Lücke. Doch vergeblich! So bleibt ihnen nichts anderes übrig als über den Zaun zu springen. Das sieht meist auch sehr majestätisch aus, doch sichtbare Verletzungen und die Kadaver, die immer mal wieder über dem Zaun hängen, zeugen auch von anderen Geschichten. Geschichten, in denen Guanacos im Zaun hängen bleiben und Stunden, gar Tage qualvoll am Zaun verenden. Kein schöner Tod! Neben den Guanacos, werden auch Gürteltiere, Hasen und Füchse oft zu Opfern des Menschen. Meist in Form des Autos. In regelmäßigen Abständen sind Kadaver oder Skelette zu beobachten.

Endlose Weiten I
Endlose Weiten II


Die nächtliche Stille in einem Zelt inmitten der Natur ist unbezahlbar, auch wenn die Nächte oft kalt sind. Eingepackt im Schlafsack, die frische und klare Luft der Natur einzuatmen ist für mich ein Privileg, zumindest solange der Regen oder der Wind einem in der nächtlichen Ruhe nicht stört. Morgens komme ich nur schwer aus dem Bett, denn ich schlafe morgens am Besten und genieße auch die Zeitlosigkeit des Reisens. Mein Körper sagt mir schon, wann er aufstehen will. Dafür brauche ich keine Uhr. Es tut gut sich Treiben zu lassen und der getackteten und klar strukturierten Lebensform des alltäglichen Arbeitslebens zu entkommen. Treiben lassen tue ich mich auch am folgen Tag- und zwar vom Wind. Ich habe vor, 330 km in 3 Tagen zu fahren- mit Hilfe der Windes. Und dieser lässt mich nur selten in diesen Tagen im Stich. Den Wind im Rücken rauscht die sich nicht zu verändern wollende Pampa rechts und links an mir vorbei. Nach 150km dann ein Dorf ( ca. 100 Einwohner). Wie fast überall ist die Tankstelle der Zufluchtsort aller Reisender. Der Tank oder auch der Magen wird aufgefüllt. Für mich gibt es meist eine Cola und Gratis-internet. Ich vergewissere mich noch einmal, dass der Wind auch am nächsten Tag mir hilft und breche dann nach 30 min. wieder auf. Auch heute baue ich wieder früh mein Zelt auf. Zwischen Hügeln gelegen, finde ich einen für die Pampa schönen, windgeschützen und etwas überraschend tierreichen Platz. Erst sind es Vögeln die mir beim Zelt aufbauen die Nötige Begleitmusik geben, dann wagt sich ein Pferd (meist sind diese sehr scheu hier), später ein zweites, immer näher ans Zelt und am Abend schaut dann noch ein Fuchs vorbei. Alle Sorgen und Probleme sind an einem solchen Ort weit, weit weg. Wie lange wird es diese Natur in dieser Form noch geben? Können wir unseren Nachfahren das Gleiche hinterlassen? Fast alle aktuellen Erkenntnisse würden diese Frage verneinen. Wir leben im Überfluss, verbrauchen, verbrauchen und verbrauchen, wollen höher, höher, höher, Wachstum, Wachstum, Wachstum! Die jetzigen Generationen machen sich schuldig. Wir alle sind ein Teil davon! Wir können den Schaden noch begrenzen, doch meine (Reise-) Erfahrungen lassen das gegenteilige erahnen. Schon jetzt müssen wir uns bei künftigen Generationen der Erde entschuldigen: „Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.“ („Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld.“): Wir sind Gast auf dieser Erde, doch hinterlassen sie als hätten wir noch tausende andere Planeten zur Verfügung! Wir haben vergssen mit ihr zu leben. Am Ende brauchen wir sie mehr als sie uns!


So lausche ich den Vögeln, schaue den Pferd in die Augen und beobachte den Fuchs neugierig ums Zelt schleichen. „Tut mir leid liebe Tierarten, viele wird es von euch in Zukunft nicht mehr geben“. Mein 5 Sterne Hotel wird nur durch das Schmatzen der Pferde gestört, welche sich nun immer näher ans Zelt wagen. Irgendwann falle ich auch hier wieder ein einen tiefen Schlaf.

Mein Blick aus dem Zelt
Abendlicher Besuch
Vögel im Gespräch

4 Kommentare

Mowgli · Dezember 19, 2018 um 8:52 pm

Die Definition Luxus ist bei uns beiden recht gleich: so nah wie möglich in der Natur umgehen von Sternen und Tieren… sehr gutes Gefühl… auch bei mir pfeift der Wind und lustigerweise bringt er mir Geld hahaha … gute weiter Reise mein Freund

    Freddy · Dezember 20, 2018 um 7:50 pm

    Hey hey hey,

    Schön von dir zu hören! 🙂
    Bist du noch irgendwo in Südamerika oder wieder in Mexiko? Ich hoffe, es klappt bald mal mit einem Treffen! 🙂

Conrado · Februar 19, 2019 um 2:32 am

„nuestro patrimonio natural y cultural nones un herencia de nuestros padres, sino uno préstamo de nuestros hijos“. Hermano, alguna vez leí aquella sabía frase en una isla diminuta del mar Caribe, tallada en un cartel de madera. Un abrazo desde mí alma y hasta la tuya Namaste.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.