Nein, Conrado schürft weder Gold mit Händen und einer Schale am Fluss noch hakt er mit einem Pickel in einem Schacht tief unten in einer Mine. Conrado ist Geologe und sucht an der Oberfläche mit modernen Methoden nach neuen Goldvorkommen in der Goldmine „Cerro negro“ (Schwarzer Berg) nahe dem Dorf Perito Moreno. Sein Ziel ist es, bis zum Ende des nächsten Jahres so viel Geld beisammen zu haben, um ohne Zeiteinschränkung auf dem Rad reisen zu können. Viel Geld fürs Reisen braucht er nicht. Vor 2 Jahren brauchte er für 2 Monate auf dem Fahrrad gerade einmal 125 Dollar. „Zuerst will ich mein Heimatland Argentinien bereisen, danach sehen wir weiter. Aber schön wäre es, um die Welt zu reisen“, erzählt er mir schon in meinen ersten Gesprächen von seinen Träumen, die er verwirklichen will. Conrado ist 28 Jahre, ist Natur-, Tier- und Menschenliebhaber, lebt in relativ einfachen Verhältnissen, ist konsumresistent und teilt das Wenige, welches er nach dem monatliche Sparen und der finanziellen Unterstützung seiner Eltern noch übrig hat, gerne mit anderen Reisenden. Er hat viel Menschenvertrauen und überlässt auch mal die Schlüssel seiner kleinen Cabana Reisenden, die er nie zu Gesicht bekommt. Weniger Vertrauen hat er in die gegenwärtige argentinische Politik und kritisiert einige Zustände wie z.B. die chinesischen und amerikanische Militärbasen ( „Warum haben diese beide Länder Militärbasen in Argentinien? Diese machen mir Angst!“) Auch wenn er sich gegenwärtig in einer finanziellen guten Position befindet, kennt er auch die harten Seiten des Lebens. “ Ich weiß was es heißt unendlich traurig und unendlich glücklich zu sein“, teilt der an Multiple Sklerose erkrankte Conrado mir in einen der vielen geführten Gesprächen mit. Sehr scharf kritisiert er das System der Pharmaunternehmen, die Placeboprodukte als Heilmittel verkaufen und daran Millionen verdienen. „Ich selbst habe es am eigenen Leib erfahren, Freddy. Monatlich wurden mir wöchentlich 3 Spritzen injiziert, bis mir mein Nachbar, welcher für die Erlaubnis von Medikamenten auf dem argentinischen Markt zuständig war, sagte: “ Die Spritzen sind ein reines Placeboprodukt. Leider müssen wir die Erlaubnis für dieses Medikament erteilen.““ In seinem näheren privaten Umfeld konnten sich 4 Personen von Krebs auf nicht-konventioneller Art heilen, nachdem sie tlw. starke Nebenwirkungen der konventionellen Art erleben mussten (Der Schwiegermutter wurden z.B. neben einer Chemotherapie nach einer Brustkrebsdiagnose auch zwei Operationen vorgenommen. All dies brachte keine Besserung. Erst als sie anfing Tai Chi zu machen, ging der Krebs). Diese Erfahrungen haben ihn stark geprägt und zum Nachdenken angeregt. Er selbst versucht durch seinem stark ausgeprägten Positivismus und einem gesunden Lebensstil seiner Krankheit entgegenzuwirken. „Ich weiß, dass ich nach jeden Anfall die Möglichkeit habe mich wieder zurückzukämpfen. Das gibt mir die Kraft mit meiner Krankheit zu leben und sie zu akzeptieren.“ Gerne würde er während seine geplante Fahrradreise andere an Multiple Sklerose erkrankte Menschen besuchen und seine gemachten Erfahrungen mit ihnen austauschen. Wie viele andere Arbeiter auch, lebt Conrado weit weg von seiner Familie. Viele Menschen aus dem Norden arbeiten hier im besser bezahlten Süden, teils mehr als 4000 km von der Heimat entfernt. Nichtsdestotrotz ist das Leben hier in Perito Moreno bzw. in der Goldmine für ihn angenehm. Da ca. 1500 Menschen für die Goldmine arbeiten, haben viele das selbe Schicksaal wie Conrado. Die Arbeit in der Goldmine sorgt für ein Zusammenhalt unter den Arbeitern, der über die gemeinsame Zeit in der Goldmine hinausgeht. Oft unternimmt der „Freundeskreis der Goldsucher“ gemeinsame Aktivitäten während der fünftägigen Pause. Besonders positiv wirkt sich neben dem gemeinsamen Schicksaal/Arbeitszeiten dabei auch das ähnliche (junge) Alter des Freundeskreises aus. Auch wenn Conrado nur temporär in diesem Geschäft arbeiten will (wie die meisten seiner Kollegen), ist er sich der glücklichen Lage seiner Arbeitssituation bewusst und genießt darüber hinaus auch die Zeit, die er gemeinsam mit denen teils zu engen Freunden gewordenen Arbeitskollegen verbringt. Doch fest im Blick hat er seinen Traum: Auf dem Fahrrad „sin tiempo“ (ohne Zeiteinschränkung) zu reisen.

 

Ich habe 5 Tage mit Conrado verbracht. Drei davon wandernd und in sog. Refugios schlafend in einem Reservat, welches 40 Kilometer von Perito Moreno entfernt ist. Dabei konnte er mir nicht nur viel über die Flora und Fauna dieser Gegend erzählen, sondern auch seine Sichtweise über das Geschehen auf unserer Erde mitteilen. Auch wenn ich, tlw. auch von anderen Erfahrungen geprägt, nicht immer den Meinungen Conrados zustimme, bin ich doch beeindruckt von seinem Wissen und seiner Sicht auf die teils komplexen Vorgänge in unserer Welt. Conrado ist ein weiterer Mensch, der durch seine Sichtweise und seiner Lebenseinstellung viel Positives auf dieser Welt bewirken könnte. Mit interessanten Fragen (z.B. Warum werden Menschen, die sich für Frieden auf dieser Welt einsetzen, oft umgebracht?) hat er auch mein Gehirn zum Denken angeregt und durch die vielen Gespräche meinen Horizont erweitert. Dankbar den sehr intelligenten Conrado kennenlernen zu dürfen verlasse ich nach einer Woche die Kleine Stadt in den Weiten Patagoniens Perito Moreno und mache mich per Bus (der Wind setzt mir hier Grenzen auf, die ich bisher nicht kannte) auf zur nächsten Stadt „El Calafate“, um von hier gen „Feuerland“ zu fahren. Doch ich habe es im Gefühl, dass ich Conrado früher oder später wieder treffen werde. Vielen Dank für die geteilte Zeit, Gespräche unterm Sternenhimmel und dein großes Wissen, welches du mit mir geteilt hast. Spectacular!

Auf unserer 3 Tour durch ein Reservat

Vor Conrados Cabana kurz vor meiner Abreise

Kategorien: Menschen

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