Tajikische Berglandschaft

Nachdem wir unserem Zeitplan etwas hinterher hinkten und ein Visum für Turkmenistan nicht bekommen konnten, entschlossen wir uns ein Verkehrsmittel zu nehmen, dass wir eigentlich meiden wollten : das Flugzeug.

Schlussendlich blieb uns keine andere Wahl, da wir sonst wieder aus dem Iran umkehren oder über Pakistan fahren und dabei im Winter das Pamirgebirge mit dem Fahrrad überwinden müssen. So ging es mit dem Flugzeug von Teheran nach Dushanbe (Tajikistan) mit einem 15 stuendigen Aufenthalt in Almaty (Kasachstan). Das bedeutet: Fahrräder zusammenpacken und wieder entpacken. Gerade fuer Pedros Tallbike eine etwas nervenaufreibende Arbeit. So sollte der letzte gemeinsame Abschnitt das Pamirgebirge mit dem Endziel Kaschgar (China) sein.

Trotz den unglaublich freundlichen Menschen, waren wir froh nach 3 Wochen den Iran wieder zu verlassen. Hinzu kam, dass wir aufgrund der ständigen Aufmerksamkeit, die wir auf uns zogen, sozial etwas ausgebrannt waren. Wir freuten uns also auf die einzigartige, ruhige Naturlandschaft Tajikistans.

Tajikistan und das Pamirgebirge

Irgendwie bin ich wieder froh nach ein paar Tagen Pausen auf dem Fahrrad zu sein. Es ist zwar schön eine Pause zu machen, doch der Drang wieder aufs Rad zu steigen und die Freiheit zu spüren macht sich bei mir schon nach ein paar Tagen Pause bemerkbar. So machen wir uns am Abend des 4. Septembers von der Hauptstadt Dushanbe auf nach Khorog, Murghab, Sary Tash (Kirgisistan), um dann in Kaschgar(China) unser Ziel zu erreichen. Die Menschen sind auch hier sehr freundlich, vor allem die Kinder kommen auf einen zu. Es wird wieder viel gewunken und mit Händen und Füßen gesprochen. Als wir einige Kilometer aus Dushanbe herausfahren, sehen wir immer mehr Männer, die mich sehr stark an Afghanistan erinnern. Kein Wunder, den wir werden später einige Hundert Kilometer an der afghanischen Grenze entlang fahren.

Ein Hinterhalt?

Es wird Abend und wir haben noch kein Essen. Leider können wir auch in dieser Stadt kein Geschäft sehen. Als wir ein paar Kinder sehen, ergreifen wir unsere Chance und fragen sie: „Magazine? Supermarket?“. Sie geben uns zu verstehen, dass wir ihnen folgen sollen und so machen wir uns auf den Weg in die kleinen Straßen eines tajikischen Dorfes. Es wird uns ein bisschen mulmig in den kleinen Gassen. Wo bringen sie uns hin? Ein Dutzend Männer im „Afghanistan Style“ starren uns an, während wir dann nach ein paar Querstraßen weiter vor einem Geschäft anhalten. Immer mehr Kinder kommen und nähern sich unseren Fahrrädern. Eine kurze Bemerkung eines afghanischen Mannes reicht und die Kinder halten Abstand von uns. Hier herrscht Respekt vor den Älteren. Nachdem Pedro ins Geschäft geht, starren mich sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen ununterbrochen an. Geredet wird nicht. Ich schaue mal zu Ihnen, mal auf den Boden, mal ins Nichts. Als Pedro wieder aus dem Geschäft kommt bin ich froh. Wir verabschieden wir uns mit einem vorsichtigen Winken von den Gruppe von Menschen und lächeln. Sie winken lächelnd zurueck. Alles also halb so wild. Wir schlagen unsere Zelt auf eines der zahlreichen Feldern auf. Wieder sehen uns Kinder, die ein paar Kühe auf die Weide brachten, und diese lassen sich natuerlich nicht die Gelegenheit entgehen das Zelt und die „Zwei aus dem Westen aus der Nähe zu betrachten. Es wird also wohl auch in diesem Land nichts mit unseren “sozialen Ruhe”.

Das Essen macht uns und unserem Magen in den ersten Tagen zu schaffen. Aufgrund der geringen hygienischen Bedingungen haben hier viele Reisenden während ihres Aufenthalts mit Krankheiten zu kämpfen. Bisher bleibt es bei Verdauungsproblemen.

„Gespräch“ mit einem Tajike

Kinder

Die ersten 70km östlich von Dushanbe fahren wir noch auf gutem Asphalt, dann hört  die asphaltierte Strasse schlagartig auf und wir bewegen uns auf einem sogenannten ‘donkey track” (=Eselspfad à Douggies Bezeichnung für Schotterwege) fort. Kleine/grosse Steine, Schotter, des ein oder andere Mal Sand machen das Fahrradfahren zu einer nervenaufreibenden Arbeit. Man kommt nur halb so schnell voran, verbraucht wesentlich mehr Energie und muss konzentriert alle paar Meter den besten Weg auf dem Gesteinsmix suchen.

Die Kinder hier sind die bisher herzlichsten, die ich auf meiner Reise getroffen haben. Gerade die Dorfkinder kommen voller Freude aus dem Garten, Haus oder sonstwo hergerannt, winken und sagen ihre 3 englischsprachigen Woerter/Saetze auf: “Hello”, “bye”, “What´s your name?”. Manche folgen uns laufend, rennend oder auf dem Fahrrad. Doch immer beeindrucken sie mich durch ihre Freude sobald sie uns entdecken. So freudig die Kinder auch auf uns wirken, so hart muss ihr Leben in diesem Land sein. Gerade in den Dörfern sind Einnahmequellen rar. Die Trinkwasserversorgung konnte erst im letzten Jahrzehnt durch ausländische Hilfe weitestgehend sichergestellt werden. Doch die noch immer hohe Kindersterblichkeit (4,3%, was bedeutet das von 100 Lebendgeburten, 4 Kinder das 5. Lebensjahr nicht erleben) zeugt von den schlechten Lebensumständen, in den viele tajikische Kinder immer noch leben( Im Vergleich: in Deutschland beträgt die Kindersterblichkeitsrate (0,34%)

Tajikische Kinder am Straßenrand

Das Naturunglück

Die Straßen werden schlechter, die Natur immer schöner. Umgeben von Bergen schlagen wir uns durch eine Schlucht durch und wollen in 2 Tagen über den ersten großen Pass (3200m) fahren.

Irgendwie riecht es hier überall nach Benzin. Ich rege mich wieder über die riechbare Verschmutzung in der Natur auf und nehme an, dass die 40 Jahre alten Lkws hier dauernd Benzin verlieren. Es ist immer noch heiß. Die Temperatur liegt tagsüber bei 36 Grad. So ist unser Wasserverbrauch hoch, was bedeutet, dass wir entweder viel Wasser transportieren oder wenig, aber dabei auf kommende Flüsse spekulieren müssen. Pedro und ich sind eher die Spekulanten oder zu faul zu viel Wasser zu transportieren. Das geht oft gut, aber eben manchmal auch nicht. So kommt es mehr als einmal vor, dass wir entweder nicht genügend Wasser haben um ausreichend zu kochen bzw. zu trinken. Doch am heutigen Tage ist es eher der Benzingeruch, der mich beschäftigt. Gegen Mittag kündigt Pedro an so langsam Hunger zu haben. Wir entschließen uns anzuhalten und zu kochen. Beim Auspacken meiner Kochutensilien wird mir das Ausmaß meiner Katastrophe bewusst: Nicht die LKWs haben das Benzin verloren, sondern meine Benzinflasche mit der wir kochen, war nicht richtig zu und ist den ganzen Tag über ausgelaufen. Was für eine Sauerei in meiner Tasche und vor allem für die Natur. 1 Tropfen Öl verseucht 1000 Liter Wasser. Mein Gewissen kann tage nicht beruhigt werden und auch das geplante Essen muss verschoben werden: Sowohl das Essen als auch alles andere in meiner Tasche ist voll mit Benzin. Zum Glück haben wir noch ein paar Kekse, die uns zumindest bis zum nächsten Dorf bringen. Der Gestank in meiner Tasche ist jedoch noch Wochen in meiner Tasche deutlich zu riechen. Das schlechte Gewissen wird immer bleiben.

Small Talk

Safedoron- Tajikisches Dorfleben

Am heutigen Tage wollen wir den Pass überwinden. Das bedeutet, dass wir 50km Anstieg haben und das auf einem „donkey track“. Irgendwie sind wir kräftiger geworden, die ersten 30km gehen wie von alleine. Neben uns zeigt sich die Natur von ihrer besten Seite und auch die noch kaum fahrenden Autos produzieren in den ersten Kilometern Anstieg eine entspannte Atmosphäre. Doch die Steigungen werden steiler, die Hitze größer und die Beine irgendwie schlapper. Wir machen ein Zwischenstop im letzten Dorf vor dem Pass, Safedoron, und ich verliere “schnick, schnack, Schnuck” und darf ab ins Dorf Essen besorgen. Ich erkundige mich also nach dem “Magazine” und werde von einer Frau aufgefordert ihr zu folgen. Zuvor werde ich noch reichlich mit Brot beschenkt (welches man aber auch locker als Waffe hätte benutzen können – so hart ist es). Als ich im Geschäft ankomme, stehe ich vor einem (naja, wollen wir mal nicht so sein) bestenfalls Kiosk ( mit abgelaufenen Produkten). Mir bleibt keine andere Wahl. Wir brauchen Essen. Ich entscheide mich für 2 Kilo steinharte, wahrscheinlich 10 Jahre alten Kekse, eine 1,5 Liter Flasche Pfirsichsüßwasser (was mir als Cola angeboten wurde), Nudeln und Ketchup, der sich später als schon einmal geöffnet entpuppt. Der Gang durch das Dorf hat sich aber gelohnt. Ich bekomme halbwegs guten Honig und einen sagenhaften Eindruck eines Dorflebens, welches bei uns vor vlt. 100 Jahren ähnlich abgelaufen ist. Kein fließendes Wasser, kein Strom, viel Gestank und viele Tiere. Auch die Kinder sind von oben bis unten dreckig. Alles in allem ein hartes Leben. Nicht nur hier, sondern auch in den anderen Ländern ist mir immer wieder aufgefallen, wie schön und gut wir es in Deutschland und Europa haben. Ob es Freiheit, Lebensstandart, Menschenrechte oder das Essen betrifft. SO ist mein Appell an euch: Seid euch unserem hohen Lebensstandard bewusst. Wir leben in einem Kokon voller Reichtum.  Hört auf euch über Nichtigkeiten zu beschweren und seid euch der Verantwortung bewusst, die dieser hohe Lebensstandard mit sich bringt.

Tajikisches Dorf

Dem Gipfel so nah und doch so fern

Wie auch schon bei meinen Berichten zuvor erwähnt, denkt man bei Pässen immer das Ende sehen zu können. So schätzen wir auch diesen Pass als nicht so schwierig ein, das was Ende absehen können. Es sollte natürlich mal wieder nicht so sein. So geht es Kurve um Kurve höher. Ich habe “up and downs”, d.h. mal fühle ich mich super gut und bin überrascht, dass ich die 100 Meter Aufstieg kaum bemerke. Dann nach der nächsten Kurve denk ich, dass gar nichts mehr geht. Ich mache immer wieder Pause und versuche meinen Geist auf die nächsten 100 Meter vorzubereiten. Irgendwie klappt es ganz gut. Es ist erstaunlich, wie viel man aus dem Geist und dem Körper herausholen kann. So erreichen wir bei Abenddämmerung die Spitze des Passes und sind irgendwie Stolz auf das Geleistete. Es ist unser bisher höchste und längster Anstieg! Die Nacht mit Minusgraden lässt uns schon erahnen, was uns die nächsten 2 Wochen bevorstehen wird auf einer Höhe von überwiegend mehr als 3500m.

Schönheit der Natur

“ Nach dem Pass werdet ihr eine traumhafte Abfahrt mit guten Asphalt haben”. So berichtet uns ein fast 70 Jahre alte Reiseradler, der uns Tage zuvor entgegen gekommen ist. Als wir am frühen Morgen aufwachen, freuen wir uns schon auf die asphaltierte Straße, nachdem zuvor eher auf Stein und weniger auf Teer gefahren wurde.

Wann kommt der Asphalt denn nun endlich? Mein komplettes Fahrrad wird bei der Abfahrt durchgeschüttelt. Meine Bremsen stark beansprucht. Andere Reiseradler haben hier ihren Gepaeckträger zerstört. Es ist anstrengend immer wieder den fahrradschonensten Weg zu finden, doch jetzt zeigt sich die Natur von einer einzigartigen Seite. Mir wird bewusst, warum diese Strecke so beliebt ist. Auch ich halte nun Öfters an, um ein Photo zu machen. Jede zweite Minute stoppe ich, filme oder drücke den Abschussknopf für ein Foto. Ich genieße die Natur, was während dem Fahren nicht ganz einfach ist. Auch weil es rechts oder links von uns einige hundert Meter nach unten geht. Pedro fährt wie verrückt voraus. Er liebt Abfahrten.

An einem breiteren Bergfluss gönnen wir uns ein Sprung ins kalte Wasser, inklusive kalter Wasserfallmassage. Ich halte inne und genieße diesen Moment. Unbezahlbar!

Der Bergfluss

Der Reis

In der nächsten “Stadt” gönnen wir und dann ein Kotelett mit Pommes. Das Kotelett ist Pressfleisch und die Pommes sind kalt, aber nach 3 Tagen chinesischer Billignudeln und Keksen ist das ein Genuss. Mit der Einfahrt in die Stadt Kulai-Khum befinden wir uns nun an der afghanischen Grenze. Der erste Blick nach Afghanistan. Wird schon nichts passieren- denke ich mir und schaue auf den reißenden Fluss der die beiden Länder voneinander trennt. Immer wieder schaue ich auf die afghanische Seite. Wie ist das Leben dort drüben? In der ersten Nacht an der Grenze hoffe ich, dass kein verrückter Taliban aufs Zelt schießt.

Heute steht mal wieder Reis auf dem Menüteller. Der schmeckt zwar meist nicht, füllt aber den Magen und ist günstig. Nach langem Warten ist er endlich fertig. Der Hunger ist groß, doch nachdem ich den Topfdeckel öffnen vergeht mir der Hunger wieder. Riecht irgendwie vergoren. DAS GIBTS DOCH NICHT! Das selbst der Reis in diesem Land schlecht sein kann…Wir beschließen ab sofort nur noch abgepackten Reis zu kaufen, wohl wissend, dass dies wohl nicht klappen, da er Sackweise geliefert wird….

Der Körper und das Rad werden weiterhin kräftig durchgerüttelt. Anfangs macht dies nicht so viel aus, da die Natur einfach fasziniert. Aber die Landschaft ist nicht so divers, dass sie alle 2 Stunden ihre Flora verändert. So langsam gehen mir die Straßen auf die Nerven. Wir sind dabei nicht die Einzigen. Vielen geht es so, vor allem denjenigen, die Probleme mit dem Fahrrad haben (meistens brechen Schrauben am Gepäckträger oder Speichen. Aber wir erfahren auch von Rahmen/-Felgenbrüchen). Auch gesundheitlich habe ich kleinere Probleme. Vor allem morgens habe ich Kopfschmerzen und ein bisschen erhöhte Temperatur. Anfangs vermute ich die Anstrengungen und den zuvor durchgemachten Höhenunterschied, doch mehr und mehr vermute ich, dass es von den vielen kleinen Schlägen aufs Fahrrad und somit auf den Kopf kommt. Meine These sollte sich bestätigen, als die Straßen Tage später und folglich die Schmerzen besser werden sollten. Der Trieb, endlich in Khorog anzukommen, treibt mich an. Noch 2 Tage und dann warten 2 Tage Pause, ein Bett und gutes Essen.

Regelmäßig passieren wir Polizeisperren bzw. Kontrollen. Es ist nicht weiter schlimm, doch muss jedes Mal unser Name, Visanummer, etc. in ein Buch eingetragen werden. Hier wird alles noch handschriftlich gemacht. Keine Computer, nichts. Leider haben wir unser Papier-Visa bei der ersten Kontrolle abgegeben. Deshalb müssen wir immer wieder erklären, dass wir zwar ein Visa haben ( sonst wären wir auch nicht hier), dies uns aber entnommen wurde. Ich nehme an, dass vor nicht zu langer Zeit hier der ein oder andere Dollar Schmiergeld gezahlt werden musste. Aber wir haben Glück. Zeiten ändern sich…..

Jo die Schnecke

Einen Tag bevor wir Khorog erreichen, überholen wir das erste Mal auf unserer Reise einen Tourenradler. Er heißt Jo, kommt aus Canada und macht einen lustigen Eindruck. Wir entscheiden gemeinsam zu campen. Während Pedro und ich kurz einkaufen gehen(  das heißt in diesem Fall wieder einne 10 Produkte Kiosk aufzusuchen und dann wieder mit „instant noodles“ zurückzukommen),baut er schon einmal sein Zelt auf. Wir kommen hungrig zurück und freuen uns auf das Essen. Jo bietet uns an doch gemeinsam zu kochen. Ich antworte sofort “klar kein Problem!“ Hätte ich gewusst, dass er nur ein paar Karotten dazu steuern kann, hätte ich mich vielleicht anders entschieden. Und wir hatten ihn noch gefragt, ob er was vom Kiosk benötigt. Also geht es auch an diesem Abend nicht gerade mit vollem Magen ins Bett. „Er hätte auch was sagen können, dann hätte ich ihm ein paar noodles mitgebracht“, denke ich mir. Jo meint, dass er ,so wie wir, eigentlich nie vor 9.00 Uhr losfährt. So machen wir ab, morgen gemeinsam zu fahren. Als wir dann am nächsten Morgen schon um 7.00 Uhr auf sind und überraschend feststellen, dass Jo’ s Zelt schon abgebaut und er weg ist, ist die Verwirrung perfekt. Er machte doch eigentlich einen sehr sympathischen Eindruck….

Pedro ist gut drauf und fährt voller Begeisterung endlich Khorog zu erreichen voraus. Er ist einige Kilometer vor mir und hält in regelmäßigen Abständen, um auf mich zu warten. 20 Kilometer vor Khorog sehe ich ihn auf einmal mit Dorfbewohnern aus einem Art Holztopf mit Händen essen. Ich werde auch sofort eingeladen. Ich lehne mehrmals dankend ab und verweise darauf ,dass ich voll bin, da ich schon davor gegessen hätte (ich hab eigentlich Bärenhunger:) ). Anscheinend wird hier jeder, der vorbei läuft eingeladen, um dann mit den Händen aus demselben Topf zu essen. Das ist mir zu heikel. Dir Erfahrungen aus Armenien sind hier im Hinterkopf fest verankert. Es sollte sich als eine weise Entscheidung herausstellen. Wenig später hab ich noch ein kleines Streitgespräch mit einem alkoholisierten älteren Mann, der meinte meine Sonnenbrille behalten zu dürfen, nachdem er sie einmal ausprobieren wollte .vDorfbewohner helfen mir dabei, sie wieder zurückzubekommen. Endlich erreichen wir Khorog und stopfen uns erst einmal ein paar Fleischbällchen in den Magen-doppelte Portion versteht sich! Wir entscheiden uns in der Pamirlodge unterzukommen, obwohl wir Informationen erhalten haben, dass die Ansteckungsgefahr hier sehr groß ist, da die Hälfte hier krank eintrifft. Es sollte sich als wahr erweisen. Den ersten Menschen, den wir in der Pamirlodge sehen ist Jo, der uns grinsend empfaengt. Der Hunger nach Internet trieb ihn an früh aufzustehen und schnell nach Khorog zu fahren. Noch nie sei er so frueh aufgestanden. Jo, Jo, Jo-ein witziger Kauz…

Freddy, Jo und Pedro

Khorog

Endlich eine „Stadt“ mit Essen erreicht zu haben, machen wir uns auf, die ein oder andere Köstlichkeit zu probieren. Leider war nichts des Probierten köstlich. Aber zumindest der Hunger gestillt. Dafür gehen wir am Abend Indisch essen. Hier trifft sich dann auch fast die gesamten westlichen Reisenden, da es sich wohl um eines der wenigen sauberen Restaurants handelt. Und das Essen ist wohl das Beste, was ich bisher auf der Reise gegessen habe. Als wir am Abend zurückkommen, dann die schon zu erwartende Folge des Essens: Durchfall. Ich habe Glück und nach einem Abend ist alles vorbei. Pedro dagegen erwischt es härter. Er darf die nächsten zwei Tage mit teils Fieber im Bett verbringen. Tolle Erholung….Für ihn sollte nun eine kleine Tortur beginnen. Aber es gibt auch schlimmere Geschichten. Zum Beispiel die von Martin und John.

Martin and John

John ist um die 50 und hat seit Jahren auf seine Fahrradreise gewartet und hingearbeitet. Die Tochter ist nun aus dem Haus und so hat auch er die Möglichkeit etwas die Freiheit unserer Generation zu genießen. Mit ihm kommt sein langjähriger Freund Martin. Leider haben die beiden ein sehr unterschiedlich Tempo. John ist eher der langfahrende Raser und Martin eher der Gemütliche. So ist John oft Tage voraus und Martin steigt das ein oder andere Mal auf ein anderes Verkehrsmittel um, um aufzuholen. Ein sehr ungleiches Reisepaar, das es jedoch noch schlimmer erwischen sollte. Auf der Schiffsüberfahrt von Aserbaidschan nach Kasachstan muss ihr Schiff erst 3 Tagen im Hafen von Baku verbringen und dann noch ein paar weitere vor Kasachstan. Etwa eine Woche verbringen sie auf dem Schiff, dessen Toilette wohl den Namen niemals verdient hat. In Kasachstan ankommen ist John sehr krank. Direkt ins Krankenhaus. Es folgt eine Odyssee von Krankenhausaufenthalten auf dem Wege ohne wirkliche Besserung. Trotz allem gibt John nicht auf und will sich seinen Lebenstraum nicht kaputt machen lassen. Er kämpft uns fährt wie ein Verrückter weiter. Die Krankheit wird nicht besser. Er verliert zwischendurch 15 Kilo. Keiner der Ärzte findet etwas. Nach Rückmeldung mit seinem englischen Hausarzt wird ein Parasit im Magen vermutet. Der Arzt empfiehlt John dringendst sich ins Krankenhaus zu begeben, um nicht innerlich auszutrocknen. Und das in einem Dorfkrankenhaus irgendwo in Tajikistan. Die Toilette-angeblich ein Loch- ist für das gesamte Krankenhaus. Ich lasse mir das Bild beim indischen Essen nicht zeigen. Berichte genügen…Mir wird bewusst, dass wir bisher mit Vielem Glück hatten. Immer wieder kommen Radler krank in der Pamirlodge an. Unter anderem auch eine deutsche Studentengruppe von 30 Leuten. 15 von ihnen sind krank. Bei insgesamt 50 Bewohner der Pamirlodge, davon die Hälfte krank, und 2 Toiletten habe ich unglaublich Angst mich anzustecken. Ich wasche mir wie ein Verrückter die Hände…

Ich habe Glück und fange mir nichts ein! Wir beschließen nach 3 Tagen in Khorog weiterzufahren. Pedro sieht alles andere als fit aus. Ich frage ihn mehrmals ob wir nicht eine weitere Nacht hierbleiben sollen. „Nein“, er sei ok. John und Martin fahren voraus. Jo, der sich nun endgültig uns anschließt, Pedro und ich wollen noch zum Indischen Restaurant, bevor die 2- wöchige Tortur beginnt.

Martin-the Whitewalker

Pedro ist mehr schlecht als recht auf dem Fahrrad, aber irgendwie schaffen wir es heute trotzdem 30 Kilometer zu machen. John und Martin holen wir trotzdem nicht ein. Wir werden am Abend zum Tee und zum Aufstellen des Zeltes im Dorf eingeladen. Ich bin froh wieder auf dem Rad zu sein.

Pedro scheint es von Tag zu Tag besser zu gehen. Erklommt wieder zu Kräften, was auch nötig ist, da wir den ersten 4000 Pass vor uns haben. Die Luft wird dünner, das spüre ich ganz deutlich. Auch die Nächte sind bitterkalt. Die Grenze zu Afghanistan haben wir verlassen. Wieder sicheres Terrain. :). Auch am nächsten Tag werden wir John und Martin nicht erreichen. Die sind wahrscheinlich schon Meilen voraus. Wir sind also zu dritt und ich habe mit Jo einen witzigen Redepartner, der immer für ein interessantes oder lustiges Gespräch zu haben ist . Nach noch anfänglichen Rüttelpisten werden auch die Straßen etwas besser. Wir erreichen nach 130km Niemandsland wieder ein Dorf-Alichur. Das heißt auch-nach 4 Tagen auf dem Rad wieder etwas halbwegs-gescheites zum Essen. Eintopfsuppe-sie ist köstlich! Wir campen hinter dem Dorf, um am nächsten Morgen wieder zu dem Restaurant zu gehen.

Hab ich wieder gut geschlafen. Tief und fest….Am Morgen sind die Beine schwer. Aber es hilft nichts-weiter gehts. Die Natur um uns herum bleibt unglaublich schön und still. Entspannend…

Jo ist früher fertig als wir und geht schon einmal zum Restaurant. Kurz bevor wir losfahren wollen, stoppt jemand vor unserem Zelt. Erst dachte ist es sei ein „Whitewalker auf dem Fahrrad“ (Whitewaltker=siehe SerieGame of thrones) und erschrecke. Aber nein es ist Martin, der uns mit krächzender Stimme und schwer atmend begrüßt:“ Hey guys! Do you ride slow? Can i join you riding to the next city?“ Ja klar, wir fahren langsam und du kannst mit uns mit. Aber wo ist John? ‚Er sei gestern noch einige Kilometer weitergefahren, nachdem sich Martin überhaupt nicht wohlgefühlt und einen Tag Ruhepause in Alichur einlegte‘. Die letzten 2 Tage habe er kaum geschlafen, da er nur wenig Luft bekommen habe. Es könnte am Astma liegen, meint Martin. Als ich Martin dann von Nahem sehe, zweifle ich stark daran, ob es eine gute Idee ist ihn hier aufs Rad steigen zu lassen. Er ist wirklich kreidebleich und seine Lungen klingen wie die Stimme von Darth Vader (Star Wars). Als Martin kurz sein Gepäck holt, teile ich meine Bedenken Jo und Pedro mit. „He is old enough to decide by his own“,meint Pedro. Da auch Jo diese Meinung teilt, lasse ich mich überstimmen. Die Höhenkrankheit im Hinterkopf, hege ich weiter große Zweifel ob Martin in diesem Zustand weiterfahren sollte und entscheide mich ein Auge auf Martin zu werfen.

Jo, Martin und Freddy mit Blick gen Osten

Wir sind also von nun zu viert unterwegs. Es ist eine lustige Runde. Martin fühlt sich wie ein alter Mann und keucht auch ohne Anstrengung, aber ihm scheints soweit immerhin stabil schlecht zu gehen. Also nicht schlechter als schlecht. Jo verliert auf der Fahrt eine Wett bzw. ein Spiel, dass sich „what are the odds“ nennt. Er muss nackt den nächsten Pass herunterfahren…..Wenn vier Männer auf Fahrrädern unterwegs sind, kann halt sowas dabei heraus kommen…. Wir trinken noch ein Tee in einem einsamen Haus „in the middle of nowhere“ und stellen dann unser Zelt auf. Schon das Zeltaufstellen ist für Martin eine Tortur. Er bekommt kaum Luft und ist auf die Hilfe Jo’s angewiesen. Nachts kommen immer wieder nach Ateen ringende Töne aus seinem Zelt. Wir befinden uns auf einer Höhe über 4000 Meter. Ich rate Martin doch etwas tiefer sein Zelt aufzuschlagen, da wir heute bei 3800 Meter gestartet sind. Natürlich verneint er. Im gefällt unsere Gesellschaft wahnsinnig, da er auch eher der ‚Slow-Traveller‘ ist im Gegensatz zu seinem Speedy Gonzales Freund John.

Der heutige Tag sollte mit 50km nach Murghab eigentlich zu den einfacheren gehören. Aber Gegenwind, die Höhe und einige kleinere Anstiege erschweren das Vorankommen. Martin kann kaum mehr sein Fahrrad schieben. Ich lege ihm Nahe doch endlich auf eines der Autos zu steigen. Auch er weiß es und versucht immer wieder eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen. Doch bisher ohne Erfolg. So kämpft er sich von Kilometer zu Kilometer fort. Nachdem ich anfangs noch voraus gefahren bin und Jo bei Martin war, entscheide ich auf Martin zu warten und mit ihm ein Stückchen zu fahren. Er ist sehr langsam und keuchend unterwegs. „Freddy,i ll go for a pee. Catch you later. I ll keep on trying to get a lift.“ Ich fahre etwa 2 Kilometer weiter, warte aber dann auf Martin. Ich warte 5 Minuten….kein Martin. Weitere 5 Minuten…..wieder Martin. Ahhhh jetzt ein Laster, der hupt und winkt. Sicherlich ist er da drauf. Doch ich kann auch auf ihm kein Martin entdecken. Das gibts doch nicht!!!Dann kommt ein Pickup mit einem Schaf und einem Fahrrad auf der Ladefläche. Als das Auto anhält und Martin darin sitzt, bin ich heilfroh. Sie halten kurz an und wir reden kurz.‘ Catch you in Murghab ,Martin‘. Endlich sitzt er im Auto. Es kommen noch einmal2-3 kleine aber heftige Anstiege, bevor Jo, Pedro und ich erschöpft in Murghab einfahren.

Als wir uns mit Jo zum zweiten Mal im Restaurant treffen (er übernachtet im „Hotel“, wir campen im Dorf), erhalten wir Neuigkeiten von Martin: Er ist im Krankenhaus und am Sauerstoffgerät angeschlossen. Er hatte nur noch 58 Prozent Sauerstoff im Blut (Normalwert angeblich 88). Der Arzt meine, er habe Glück ,dass er noch lebt. Booooom! Das schlägt ein und gibt uns die nächsten paar Tage zu denken. Er hätte hier einfach neben uns sterben können. Das ist kein Spaß und kein gutes Gefühl. Wir entscheiden uns am nächsten Morgen Martin im Krankenhaus besuchen zu kommen, bevor wir weiter fahren.

Das Krankenhaus hätte eine perfekte Szenerie für einen Gruselfilm abgeben können. Da willst du nicht landen. Lass mich bloß nicht hier krank werden lieber Körper!

Den Eingang suchend, macht mir eine Frau in einem Gang die Tür auf. Sie schaut mir düster ins Gesicht und es würde mich nicht wundern, wenn dieses Frau als Nebenjob im Leichenhaus arbeitet. Schon von Weitem sehe ich einen Schlauch in der Krankenhaus-Baracke im Flur liegen. Er führt in ein Zimmer, wo wir Martin finden. Es ist schön in wieder mit Farbe im Gesicht zu sehen. Wie immer ist er gut drauf. Er erzählt noch, dass nachts auf einmal sein Sauerstoffgerät ausging. Jo dachte, dass die Sauerstofftherapie zu Ende sei. Aber als der Arzt hereinkam, meinte dieser nur, dass der Diesel für das dieselbetriebene Sauerstoffgerät ausgegangen sei. Sie haben kein Geld, ob er nicht 10 Dollar zahlen könnte. Also drückte er ihnen 10 Dollar in die Hand. Es wird Diesel geholt und keine 30 Minuten später läuft „der Gerät“ wieder. Kein schlechter Deal, um auf der Höhe zu überleben. Martin muss noch 2 weitere Tage im Krankenhaus bleiben. Als er 3 Tage später im Autoshuttle an uns vorbeifährt und wir uns kurz unterhalten, meinte der Arzt, dass, wenn er wieder aufs Rad steigen würde eine Lebensdauer von 13 Stunden hätte. Dieses Risiko war wohl auch ihm zu viel…

Die nächsten Tage werden hart. Schneestürme ,die dünne Luft und die schlechte Ernährung zerren am Körper. Um das ganze etwas abzukürzen ein kleiner Bericht aus meinem Tagebuch:

‚Irgendwie merke ich schon am Morgen, dass ich nicht richtig fit bin. Schon der kleinste Anstieg ist anstrengend. Ich spüre Teile meines Koerpers nicht mehr. Mein Oberkörper fühlt sich taub an. Er stützt sich teilnahmslos auf den Lenker meines Fahrrads. Meine Zehen und Finger frieren. Meine Beine treten währenddessen unaufhörlich in die Pedale, auch wenn mein Geist eher auf Standby geschaltet ist. Ich versuche die schöne Natur um mich herum zu genießen, was mir heute nicht einfach fällt. Jo fährt neben mir und findet immer ein Gesprächsthema, welches ich nur halbherzig verfolge. Ich verbrauche und genieße in vollen Zügen mein letztes Snickers. Zum Glück läd uns Jo zum Mittagessen ein. Der Tee (ich weiß nicht, was darin war oder war es meine Freude über das Essen) bringt mich mehrmals zum „Lachheulen“. Nach dem Essen habe ich mehr Kraft. Mit Pedro kämpfe ich gegen den Wind an. Noch vor dem Gipfel des ersten Passes stellen wir das Zelt auf. Der Wind ist zu stark und wir sind zu erschöpft.‘

Nahrung in einem Hausrestaurant

 


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