Im Park mit iranischen JugendlichenIrgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl in den Iran zu gehen. Man hört nicht viel aus dem Iran und wenn, dann werden hierzulande meist negative Nachrichten publik gemacht. Im Jahr 2002 beschuldigte der damalige Präsident George W. Bush den Iran zur Achse des Bösen zu gehören. Diesen negativen Nachrichten stehen die Berichte von Reisenden gegenüber, die viel Positives zu berichten haben. Wie werden wir  das Leben und das politische System im Iran empfingen?

Am Grenzübergang verläuft alles ohne größere Probleme oder Wartezeiten. Sowohl die Zöllner als auch die Menschen, die uns kurz nach der Grenze begegnen sind sehr freundlich und heißen uns herzlich in ihrem Land willkommen. „Do you need help?“, fragt auch schon der nächste Iraner, der uns in der islamischen Republik begegnet. Wir verneinen uns stürzen uns in die nordiranische Hitze:

Es ist mal wieder sehr heiß, aber wir haben; RUECKENWIND!!! Unglaublich. Und so fahren wir sehr angenehm in einer schönen Landschaft den Grenzfluss Richtung Jolfa entlang. Am ersten Dorf halten wir an, um unsere Trinkwasserreserven aufzufüllen. Ähnlich wie in der Türkei bildet sich eine Menschenmenge um uns.
Wir sprechen mit einem Mann in unserem Alter und werden prompt zu einem seiner Freunde für eine Übernachtung nach Hause eingeladen. Da wir schon einige Kilometer gefahren sind, nehmen wir die Einladung an. Nach ein oder 2 Minuten gibt uns der Mann jedoch die Hand und verlässt uns. Er muss jetzt gehen. Wir sind etwas überrascht, da er uns doch 2 Minuten zuvor eingeladen hat.
Wir werden später noch einiges zu den Gewohnheiten im Iran erfahren. Wir brauchten 3 Wochen, um die ungeschriebenen Regeln im Iran zu verstehen und selbst danach haben wir nur einen Bruchteil davon verstanden.
Die Iraner sind so freundlich wie kein anderes Volk, mit denen wir bisher in Kontakt getreten sind. Aber vieles ist hier eine Farce, ein Fake, ein Spiel. Doch dazu noch mehr.

Über den Iran werde ich dieses Mal etwas anders berichten. Hier steht nicht die Natur, sondern die Menschen im Vordergrund. Die Natur ist schnell abgehackt. Es ist sehr trocken, bis auf den Norden des Irans, an dessen kaspischen Küste wird entlang gefahren sind.
Da es meist nur eine große Verbindungsstrasse zwischen den Städten gibt und auch im Iran viel gebaut und mit alten Lkw gefahren wird, ist das Fahrrad fahren im Iran an sich nicht empfehlenswert. Viel Lärm und Luftverschmutzung resultieren in einen hohen Stressfaktor für Fahrradfahrer.

Die Menschen flippen hier v.a. aufgrund des Tall-bikes völlig aus. Es wird gefilmt, gehupt, fotografiert, angehalten, langsamer gefahren, Unfälle riskiert. Doch nun wieder zur Story:

Nachdem wir die nächstgrößere Stadt Jolfa erreicht hatten, machen wir kurz nach der Stadt eine kleine Snack-Pause. Wie nicht anders zu erwarten war halten Autos an und kommen auf uns zu, um mit uns zu reden. Einer davon ist Vahid, der uns dann auch in seine 5km entfernte Heimatstadt Hadashir zum Essen einlädt.
Wir nehmen die Einladung an und essen 2 traditionelle iranische Gerichte. Vahid erzählt uns von sich und dem Leben im Iran. Er kritisiert das System sehr deutlich und würde wie so viele hier gerne ins Ausland gehen. Vahid ist etwas skeptisch gegenüber anderen Personen v.a. gegenüber Iranern. Er warnt uns, dass uns nicht jeder positiv gesonnen bzw. andere uns das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Trotz seiner eher negativen Grundeinstellung gegenüber Menschen, fühlen wir uns wohl und sind auch froh, dass er uns ein Zimmer oberhalb des Restaurants zur Mittagspause anbietet. Es gehört einem seiner Freunde und so können wir hier in Ruhe relaxen. Der Freund mitsamt seiner Frau und einem kleinen Kind kommt kurz vorbei, um uns willkommen zu heißen, doch danach können wir uns für 2 Stunden hinlegen uns ausruhen. Sobald wir wieder auf der Straße sind bzw. sobald wir anhalten kommen Menschen auf uns zu und heißen uns in ihrem Land\Stadt willkomen oder fragen uns ob uns es gut geht bzw. ob wir etwas benötigen. Als wir die Stadt verlassen kommt noch einmal Vahid auf seinem Motorrad vorbei, fragt nach unserem Wohlbefinden und organisiert uns dann noch von seiner Schwester Brot. Übernachten tun wir irgendwo im Freien, leider ohne Wasserzugang. Wir sind noch etwas vorsichtig, was waschen im Freien, urinieren oder der Gleichen angeht. Gerade bei mir merkt man doch den Einfluss der deutschen Berichterstattung über den Iran. Wie sich herausstellen sollte, ist der Iran aber ein unglaublich sicheres Pflaster. Der Tourist genießt auch hier eine Sonderstellung und kann sich einiges mehr erlauben als die Einheimischen hier.

Die Einfahrt in die erste große Stadt im Iran (Marand) wird zu einem tollen Erlebnis. Als wir anhalten, kommen sofort Jugendliche aus der Werkstatt gegenüber zu uns angerannt. Der Junge ist ganz nervös:“ Hello. How are you? I am so nervous……i dont know what to say. It´s my first time i speak to a tourist.“ Ich unterhalte mich kurz mit ihm. wir wollen essen gehen und so zeigt er uns ein Restaurant keine 10 Meter von der Stelle entfernt an der wir angehalten haben. Als wir das Restaurant betreten und Kebab (Am Spieß) mit Reis bestellen kommen immer mal wieder Kinder vorbei. Sie fragen, woher wir kommen bzw. ob sie ein Foto mit uns machen können. Ein kleiner Junge nimmt dabei die Frontrolle ein (das scheint hier eine Regel zu sein: einer übernimmt die Verantwortung und dieser begleitet einen dann die ganze Zeit bzw. ist Ansprechpartner Nummer 1). Sein Name ist Ersah (14 Jahre) und er sollte uns noch den ganzen Tag über begleiten. Die Jungs machen uns darauf aufmerksam, dass Pedro einen Platten hat. Wir fragen die Jungs, ob sie wissen, wo ein Fahrradgeschäft ist (Pedro braucht sowieso neue Schläuche). Ersah weiß es und sagt, wir sollen ihm folgen. Umgeben von Kindern auf Fahrrädern, hupenden Autos und fotografierenden Menschen, machen wir uns auf den Weg zum Fahrradgeschäft. Das Fahrrad wird schnell geflickt, wir werden noch zum Tee eingeladen und von einigen Menschen in ihre Stadt herzlich willkommen geheißen, dann frage ich Ersah, ob er mich zur Post bringen kann (habe noch Postkarten, die ich in der Türkei gekauft, in Georgien geschrieben und jetzt im Iran an Menschen, die uns aufgenommen haben, versenden will) Er bringt uns zur Post. Waehrend ich in der Post die Karten verschicken will, schüttelt Pedro fleißig die Hände von Menschen, die ihn willkommen heißen. Die Post ist zwischen Männern und Frauen aufgeteilt, genauso wie es auch die Busse sind ( Frauen hinten, Männer vorne). Der Mann am Schalter ist etwas überfordert mit dem Postkarten. Ich warte 5 Minuten, dann kommt auf einmal ein Mann auf mich zu und zückt seinen Ausweis: „Police. Passport, please.“ Super, kaum bin ich in der Post, da holen die die Polizei, denke ich mir. Ich muss also raus zu meinem Fahrrad, meinen Pass zeigen und einige Fragen zu meiner Reiseroute beantworten. Das Auftreten der Polizei, so wird sich zeigen, soll eher ein Signal an die Bevölkerung, sich nicht mit uns zu unterhalten, als eine Einschüchterung an uns, sein. Trotzallem hat die Einschüchterung bei mir beim ersten Mal funktioniert.

Ersah will uns zu sich nach Hause einladen, jedoch müssen bei ihm zu Hause vor der Tür warten. Wir vermuten zuerst, dass die Mutter Angst hat vor unangenehmen Fragen der Polizei, jedoch stellt sich bei einer anderen Begegnung heraus, dass es wohl auch an der Religion\Tradition liegt: Es geziemt sich für eine Frau nicht, Männer in das Haus zu lassen, wenn kein Mann im Haus ist.“ Mir geht das ganze Religion Zeugs sowieso ein bisschen auf den Keks, wo ich hier im Iran übrigens nicht allein bin. Der Großteil der Menschen ist weitaus weniger religiös, wie zum Beispiel in der Türkei. Sie sind der Regeln des religiösen Regimes müde und wollen einfach auch in Freiheit leben, so wie wir das wollen. Ich war auch etwas überrascht, dass die Moscheen hier weitaus weniger präsent sind als in der Türkei. Nur vereinzelt habe ich Moschen gesehen bzw. Muezzins gehört. Es findet hier keine Beschallung wie in der Türkei statt. Ehrlich gesagt, muss ich im Nachhinein sagen, dass mir die Türkei der Zukunft etwas Angst macht. Der Iran ist von außen sehr religiös, doch im Inneren sind es viele Menschen nicht. Die Türkei ist von außen angeblich säkular, doch innerhalb der Türkei spielen die Moscheen und der Islam eine starke Rolle. Auch innerhalb der von mir besuchten Orten. Ich habe gedacht, dass mit den Muezzin hören in jedem kleinen Dorf  gehöre zum Islam wie das Glockenläuten in den Kirchen. Doch der Iran hat mir anderes gezeigt, dass das nicht der Fall sein muss. So habe ich auch gehört, dass zum Beispiel im Iran ein Großteil kein Ramadan macht, sondern „heimlich“ zu Hause isst. In der Türkei aber selbst der Großteil der Studenten (zumindest in Trabzon) mitmacht.

Wie auch immer, der Iran ist ein großes Spiel….

Ersah bietet uns dann noch an in ein Schwimmbad zu bringen. Wir sind überrascht und fragen nach, ob wir mit kurzer Hose schwimmen können. Ja, kein Problem! Das Schwimmbad war ein Traum und ein Erlebnis. Natürlich sind hier nur Männer und Jungs anzutreffen. Ersah, sollte 1 Stunden nach unserem Eintreffen mit seinem Vater dazukommen. Das Schwimmbad an sich, ist eher eine Wellnessoase als ein Ort, um schwimmen zu lernen. Es entwickelt sich hier ein Ritual aus Dampfbad, dann heißes Becken, dann Saunaaufguss mit Menthol, dann Abkühlen im Eiswasser. Das Ganze wiederholt sich dann wieder. Für uns und unsere Muskeln war es ein Traum. Natürlich waren wir hier die ersten Touristen. Dementsprechend wusste dann auch das ganze Schwimmbad von dem Deutschen und den Franzosen. Wir wurden oft angesprochen oder beobachtet. Ersah wurde immer etwas eifersüchtig, sobald wir uns mal mit anderen Kindern\Menschen unterhalten haben. Auch das war bei anderen Begegnungen so. Derjenige, der sich als Frontmann auserkoren fühlte, wurde eifersüchtig, sobald wir mit anderen sprachen bzw. versuchte uns von anderen fernzuhalten.

Ersah wollte uns gar nicht mehr aus dem Schwimmbad gehen lassen und ihm kamen ein bisschen die Tränen als wir ihm klar machten, dass wir nicht bis zum Ende bleiben können, das wir weiterfahren müssen.“PLease, full time.You have full time!“, sagte er immer wieder. Erst ein Gespräch mit seinem Vater, machte ihm verständlich, dass wir gehen müssen.

Mit Ersah im Schwimmbad

Die Fahrt aus Marand war dann so verrückt: Autos hielten vor und neben uns an: fotografierten, hupten, filmten, forderten uns zu selfies auf…..Keine Übertreibung!!!Die Leute flippten aus. Wir waren müde und hatten einen Tag mit vielen sozialen Erlebnissen und wollte eigentlich nur unsere Ruhe. Es wurde dunkel und wir waren müde. Dann sahen wir eine kleine Baumplantage, wir hielten an und stellten unsere Fahrräder abseits der Straße auf die Plantage ab. Da blieb natürlich nicht unbeobachtet. Ein Mann und ein Jugendlicher folgten uns. Erst der eine, dann der andere luden uns zu sich nach Hause ein. Wir wollten eigentlich nur in Ruhe schlafen, doch beide ließen nicht locker. Erst der eine, dann der andere holten uns eine Frau ans Telefon, mit der wir gut Englisch sprechen konnten und die uns übersetzten, dass wir doch bitte bei ihnen zu Hause übernachten sollten. Dieses Mal war es also kein Fake! Wir konnten uns nicht entscheiden. Dann holte der der eine 4 Frauen dazu, welches alle junge Englischlehrerinen waren (eine davon seine Frau). Doch wir konnten die andere Einladung auch nicht einfach ausschlagen. Beide ließen nicht locker. Da wir noch weitere Einladungen in Zukunft erwarteten, entschieden wir uns für keinen und schlugen das Zelt in der Plantage auf.

Mitten in der Nacht wurde es dann irgendwie recht kalt. Der Boden fühlt sich doch sehr kalt an. Als ich den Boden berühre merke ich eine große Wasserlache unter dem Zelt. Auch Pedro ist aufgewacht.“ Scheisse, die fluten die Plantage nachts mit Wasser. Nichts wie weg von hier. Schlaftrunken bewegen wir also das ganze Zeltequipment 50m weiter mitten in der Nacht.

Am Morgen dann wieder ein alt bekannter Freund: Der Wind. Er bläst mal wieder gegen uns. Wir wollen es bis nach Tabriz schaffen und uns dann in Tabriz entscheiden, welche route wir im Iran fahren. Der Gegenwind macht uns zu schaffen. Wir kommen nur schleppend voran und die Abgase machen uns die Fahrt nicht unbedingt angenehmer. In Tabriz angekommen, machen wir eine größere Pause in einem Park. Ein Mann bringt uns eine Melone vorbei. Ein anderer läd uns zu sich nach Hause ein, was sich aber wieder mehr oder weniger nicht als wirkliche Einladung erwies. Da wir noch aus tabriz fahren wollten, waren wir nicht daran interessiert, jedoch kam wir dem Spiel mit den Einladungen etwas näher. Das „Spiel“ heisst „Taroff“: Wie  wir in teheran, bei unserem host Hooman und seiner Familie erfahren, bieten Menschen uns hier oft Übernachtungen an bzw. Restaurants bieten uns an, nicht zu zahlen. Sie wollen uns das nicht wirklich anbieten, bieten uns das aus Höflichkeit aber an. So werden wir nach kurzen Gesprächen nach Hause eingeladen bzw. des Restaurantbesitzer sagt, dass wir zum Essen eingeladen sind. Aber sie gehen davon aus, dass wir ablehnen. Wenn derjenige weiterhin darauf besteht, dann ist es ernst gemeint. Bis heute können wir nicht immer wissen, ob es nun „taroff“ war oder ernst. Es ist nicht immer einfach, das herauszufinden Doch Touristen müssen wissen, dass es eben nicht immer 100 % ernst gemeint ist. Trotz dem taroff-Spiel bleibt die Gastfreundschaft unschlagbar.

Nach dem Park in Tabriz wollen wir am Abend auf einem Bypass Tabriz umfahren. Beim Anblick der Stadt von oben, merken wir aber dass wir bei der Größe und dem Gegenwind das nicht schaffen. Wir übernachten in einem Park mitten in Tabriz (2-3 Mio. Einwohner).

Starker Wind ist unser Begleiter

Und am Morgen grüßt wieder der Wind. Er will einfach nicht nachlassen. Wirt entscheiden uns gegen unseren ursprünglichen Plan nach Isfahan mit dem Fahrrad zu fahren. Stattdessen wollen wir an der Küste der Kaspischen Meeres entlang und dann nach Teheran fahren, um dort die Fahrräder stehen zu lassen und mit dem Bus nach Isfahan zu fahren. Der Wind hat uns einfach die Kraft und die Zeit geraubt. Am Abend finden wir ein Zeltplatz mitten auf dem Feld, doch 2 Jungs kommen vorbei und laden uns ein bei ihnen vor der Farm zu campen.
Wir fahren gegen den Wind Richtung Arderbil. Diese Stadt ist genauso wie der Großteil des Westens des Irans von Iranern mit türkischen Wurzeln bewohnt. Da meine Finanzplanung nicht vollkommen ausreicht, fahren wir in Ardebil mit weniger als einem Euro ein. Wir haben uns mal wieder mit Reis durchgeschlagen. In Ardebil wollen wir dann Geld wechseln ( Sanktionen verhindern ein Abheben von inländischen Bankautomaten). Nachdem wir unser Geld gewechselt haben, machen wir uns per Handy auf der Suche nach einem Couchsurfing Host. Wir wollen dabei in den Park gehen und nebenbei relaxen. Schon auf dem Weg zum Park müssen wir für Selfies posten bzw. werden ständig angesprochen. Ein Polizist grüßt uns freundlich per Handschlag. Als wir jedoch uns in den Park setzen kommen auf einmal Leute von allen Ecken und Enden des Parks auf uns zu und beobachten uns, stellen Fragen, etc. Natürlich ist das unangenehm fürs Regime also: „passport, please!“ Wir kennen das Spiel. Die Polizei kontrolliert die Ausweise während wir 15 Minuten unser Vesper genießen. Nach dem Essen setzen sich 2 Englischstudentinnen zu uns, um ihr Englisch zu verbessern. Nach wenigen Minuten wird eine der beiden zur Polizei gerufen. Sie meinen, sie kennen das Spiel. Es wird ihnen verboten mit uns zu sprechen. Dann kommt ein Herr in Zivil auf uns zu stellt sich als „immigration police“ vor und verlangt wieder unsere Ausweise. „ohhhh man, ist das nervig“, denke ich mir und reiche auch ihm mein Ausweis. Nach weiteren 5 Minuten teilen die 2 Englischstudentinnen uns dann mit, dass wir den Park verlassen müssen, da es für uns hier nicht sicher sei. Ich schaue mich um sehe überall nur Familien und denke mir meinen Teil. Wir entscheiden uns an diesem Abend im Hotel zu übernachten, da wir auch vermuten, dass wir am heutigen Tag von der Polizei beobachtet werden und keine Unannehmlichkeiten unseren Hosts bereiten wollen. Wir genießen die Nacht im recht günstigen Hotel.

Der nächste Tag beginnt wieder mit Wind und so langsam habe ich die Schnauze voll von ihm. Es kostet unglaublich viel Kraft. Doch am Ende des Tages steht eine 2 ständige Abfahrt bis runter ans Kaspische Meer an. Wir genießen es. Schon wieder wird es Abenddämmerung und wir haben wieder noch keinen Schlafplatz gefunden. Wir erfahren, dass es einen oeffentlichen Campingplatz gibt. Und auch heute haben wir es wieder geschafft mit weniger als einem Euro am Abend dazustehen.(hatten das Geld 50 Euro am Abend auf der Straße gewechselt und wollten dem spontanen Wechsler unseres Geldes nicht mehr Unannehmlichkeiten bieten). Der Campingplatz kostet 1 Euro pro Nacht. Am nächsten Tag genießen wir es, ohne Gegenwind zu fahren und gönnen uns das Schwimmen im warmen Kaspischen Meer. Wir waren am Anfang etwas verwirrt und sind es heute noch, was die Schwimmpolitik dieses muslimischen Staates betrifft. Dürfen wir mit kurzer Hose ins Meer? Müssen wir ein T-shirt tragen? Es ist etwas konfus und selbst die Iraner blicken hier nicht ganz durch. Mal heißt es ja, dann wieder „nein“. Wie auch immer. Nach 1 Woche im Iran haben wir so halb den Dreh raus. Hier die „Regeln“:
– Frauen muessen mit voller Montur schwimmen gehen, d.h Gewand und Kopftuch. Es ist tut weh ihnen zuzuschauen wie sie bei über 35 Grad Außentemperatur und mindestens 25 Grad Wassertemperatur ins Wasser steigen
– Kurze Hosen sind für Männer überall erlaubt
– An privaten Badestränden, welche durch Sichtschutz von den öffentlichen getrennt werden, dürfen auch Männer ohne T-shirt schwimmen gehen
– an öffentlichen Stränden muss man mit T-Shirt rein, aber es gibt ein Spiel und das geht so:
An den öffentlichen Badestränden gibt es meistens neben den Securityguards, der Polizei, und den Lebensrettern auch einen „Aufpasser“. Dieser läuft mit einer Pfeife herum und fordert alle, die ohne T-Shirt baden gehen eines anzuziehen. Natürlich hat die Mehrheit der Männer darauf überhaut kein Bock. Das heißt, sobald der Aufpasser mal wieder vorbei läuft, gehen alle ohne T-Shirt bis zum Hals ins Wasser, damit er nicht sehen kann ob sie ein T-Shirt tragen oder nicht. Mal werden sie gesehen mal nicht. Wie gesagt, dass Ganze ist ein einziges Spiel. Wir haben es nach 2 Stunden Beobachtung am öffentlichen Strand herausgefunden.

Auf einem iranischen Campingsplatz

Für die Einheimischen sind solche Regeln natürlich einfach nur nervig, wie auch andere Regeln.
Wir sprechen viele Menschen, die sowas von kein Bock auf das Regime haben. Wer gebildet und jung ist will raus. Die Älteren reagieren mit Resignation. Die ganz große Mehrheit ( nach Aussage eines Professors einer Teheraner Universität sind das 90%) will mehr Freiheit und fühlt sich von dem Regime unterdrückt. Einzig und allein die gut funktionierende Terrorabwehr des Regimes wird von der Bevölkerung ausdrücklich gelobt. Doch Raum für Veränderung bleibt kaum. Das Regime hat eine Nationalgarde, die alles für die Mullahs macht ( auch auf die eigene Bevölkerung schießt), die militärische Macht und die finanziellen Mitteln in ihren Händen. Noch immer werden politische Oppositionelle hingerichtet. So haben die wenigstens Hoffnung auf eine bessere Zukunft, doch grenzen sie sich sehr stark vom Regime ab oder „spucken“ sogar auf sie. Die Menschen sind Gefangene in ihrem eigenen Land. Sie haben Besseres verdient, denn sie sind großartige Menschen und sehr offen. Für alle nicht so erfahrenen hier, möchte ich auch erwähnen, dass es sich bei den Iranern nicht um Araber handelt. Es sind Perser und von einem ganz anderen Schlag. Wenig religionsfanatisch, gut gebildet und sehr zuvorkommend……Die Menschen haben mich begeistert…..

Kurz zum Essenstrick:
immer wieder sind unsere iranischen Rials ausgegangen und wir standen nur mit Euro da oder das Essen war aus irgendeinem anderen Grund knapp. Wir haben uns dann immer neben Iraner gesetzt, die sich in einem Park, einem Fluss oder sonst wo zum populären Picknick saßen. Haben unser spärliches Essen ausgepackt und gewartet. Nach wenigen Minuten wurde uns dann Essen unterschiedlicher Art vorbeigebracht. Das hat so gut wie immer geklappt. Auch wenn wir selbst genügend zum Essen haben, wurde uns fast immer was angeboten. Die Menschen sind sowas von gastfreundlich. Ich würde das Gleiche gerne mal in Deutschland sehen….

Ich könnte noch vieles mehr über den Iran scheiben, doch meine Zeit lauft davon. Wir wollen heute uns aufmachen, um in Tajikistan den Pamir Highway zu fahren. Also noch kurz ein paar Sätze zum Iran.
Nachdem wir die Kaspische Küste entlang gefahren sind, sind wir in Teheran eingefahren. Voll von Smog und Staus! Wir übernachten bei einer iranischen Familie, bekommen Alkohol (für den man hier ausgepeitscht werden könnte, nicht jedoch für Touristen. Diese genießen eine Sonderstellung), welcher hier unglaublich teuer ist. Natürlich weiß das Regime, dass in vielen Häusern Alkohol getrunken wird. Hinter vorgehaltener Hand wird sogar erzählt, dass das Regime sehr gut am Schmuggel verdienen sollte. Ab und an wird ein Exempel statuiert und ein Schmuggler wird hingerichtet. Naja, ist alles ein bisschen konfus, wie auch andere Regeln. Man blickt irgendwie nur halb durch. So wird zum Beispiel in Isfahan auch Alkohol heimlich hergestellt. und zwar im armenischen Viertel. Das weiß natürlich das Regime, billigt es aber. Im Haus sind die Menschen frei, so finden Partys dort statt ( Es herrscht normalerweise Tanzverbot, auch bei Hochzeiten darf nicht getanzt werden), es wird viel Alkohol getrunken und die Frauen können hier ihre Freiheit ohne Kopftuch genießen. Gerade die Jugend sehnt sich so sehr nach Freiheit. Allein bei der Art, wie man das Kopftuch in der Öffentlichkeit trägt, kann man erkennen, wie viel/wenig Respekt man den Regeln des Regimes zollt.
Ich muss aufhören…Gerne unterhalte ich mich persönlich mit euch über den Iran. Ich habe nur eine Bitte, auch für die Beurteilung westlicher Berichterstattung: kehrt das Regime und die Bevölkerung nicht unter einen Hut. Das Regime ist ekelerregend, der Großteil der Menschen herzenslieb. Und für interessierte zukünftige Touristen: Das Land ist super sicher. Wesentlich sicherer als Europa! Das könnt ihr akzeptieren oder nicht. Aber hier brauche ich keine Angst haben, dass mir das Fahrrad gestohlen, ich ausgeraubt oder verschlagen werde. Touristen genießen eine Sonderstellung: Selbst wenn du sturzbetrunken von der Polizei aufgegriffen wirst, ist es sehr unwahrscheinlich, dass dies härtere Strafen, wie das Auspeitschen, nach sich zieht.

Jetzt geht es auf den Pamir Highway…

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