Da laufe ich nun einen Berg am Fuße der Schwäbischen Alb hoch, setzte mich auf eine Bank, schaue in die Weite und verliere mich in Gedanken. Das Verlorensein in Gedanken kommt nur noch selten vor. Denn eingespannt im alltäglichen Lebensrhythmus fehlt die Ruhe, die Auseinandersetzung mit ständig auftretendem Neuem, aber auch die Ruhe in völliger Abgeschiedenheit von menschlichen Einflüssen. Das alleinige Ich, inmitten der Launen der Natur. So fällt es mir schwer meinen letzten Artikel dieser Reise zu verfassen. Einen letzten Artikel, der noch einmal ein Fazit zieht über das Geschehene und Antwort gibt auf die Frage: was bleibt? Was bleibt von der fast 10-monatigen Reise, dem ständigen Radeln, dem Schlafen im Freien, dem Baden in kalten Flüssen, dem Kampf gegen den Wind, der Einsamkeit in den Weiten der Pampa oder der Interaktion mit dem (fremden) Menschen.

Ein letzter Blick auf meine alten „Fahrradkleider“, verrät schon einiges. In erster Linie bleibt erst einmal ein Körper, aber auch ein Geist der über Tage, Wochen und Monate immer wieder beansprucht wurde. Eine Form der Intensität (ich beschreibe es bewusst als Form der Intensität, denn es gibt auch andere Varianten des Intensiven, die wir im alltäglichen Leben zu bewältigen haben), die mich nicht selten an die physische, wie auch psychische Belastungsgrenzen brachte. Negativ ausgedrückt könnte man sagen: der Körper wurden geschunden. Positiv ausgedrückt: der Körper hat intensiv gelebt.

Das leben auf der Fahrradstraße – immer intensiv

Diese „Intensität des Lebens“ wirft bei dem ein oder anderen die Fragen auf: „Warum tut er sich das an? Wo ist da die Freude, sich im eiskalten Wasser zu baden, Tage, Wochen gegen den Wind zu fahren, Durst zu erleben oder die Einsamkeit zu spüren?“ Diese Fragen sind absolut berechtigt und nicht einfach zu beantworten. Im Zusammenhang mit der Frage „Was bleibt?“ kann sie vielleicht etwas verständlicher beantwortet werden.

Es liegt nicht jedem sich tag-täglich den Launen der Natur zu unterwerfen. Ein anderer Fahrradreisender sagt mir einmal, dass „er schon ein bisschen masochistisch veranlagt sei“. Ich würde nicht ganz so weit gehen, trotz allem muss man schon in der Auseinandersetzung mit körperlichen und geistigen Grenzen Gefallen daran finden. Einen Gefallen den Körper ein bisschen herauszufordern und dann zu sehen wie er und der Geist an der neuen Herausforderung wächst. Und die positive Rückmeldung kommt schnell. Nach den ersten Anstiegen gehen weitere Anstiege einfacher von den Beinen. Der Körper wird widerstandsfähiger, die Belohnung wird spürbar und durch überragende Ausblicke (wie in den Bergen) sichtbar. Man ist zufrieden, ja man ist glücklich, wenn man am Abend spürt, dass der Körper eine weitere Herausforderung gemeistert hat. Auch wenn ich mir eingestehen muss, dass ich meine Reiseroute in Argentinien aufgrund des Windes (ja auch für mich war es am Ende einfach zu viel Wind) nicht mehr genauso planen würde, so machte und macht es mir Spaß, den Körper sportlich zu betätigen. Den Herzschlag, den müden Muskel oder die kalten Hände zu spüren. Ja, den eigenen Körper zu spüren und somit das Leben, sein eigenes Ich zu fühlen. Auch wenn ich mir in manchen Situationen eine warme Dusche gewünscht hätte, war das kurze Waschen in eiskalten Flüssen auch immer vitalisierend.

Ein eiskaltes Bad wirkt vitalisierend…
und auch sonst ist der Ausblick oft schön

Doch nicht nur zum Zeitpunkt der körperlichen Belastung auch später erweist sich diese Form des Reisens als glücksfördernd. Nach Zeiten von Entbehrungen und Härte, werden Zeiten des Genusses stärker wahrgenommen. Ob es eine warme Dusche nach Tagen des Waschens in Flüssen, ein angenehmes Bett oder eine Wassermelone nach Stunden des Dursts – für uns alltägliche Dinge können richtig genossen werden und führen dazu, dass nach Tagen der Entbehrungen richtige Glücksgefühle ausgeschüttet werden. Diese Entbehrungen bzw. dieser Verzicht in vielen Monaten der Reise mündet schlussendlich auch in eine Form der Demut vor den Errungenschaften und den Annehmlichkeiten unseres Lebens, die man nun viel stärker zu schätzen weiß. Dies geht über die alltäglichen Dinge des Lebens wie z.B. unter einem Dach zu leben (wie ich es momentan genieße den Regen auf das Dach tropfen zu hören, wohlwissend, dass ich schön warm und trocken mich in einem Haus befinde) bis hinzu dem Fakt, dass wir uns in einer langen Epoche des Friedens und des Wohlstands in Europa befinden. Darüber hinaus führt der Minimalismus, in dem man sich während der Reise befindet, auch dazu, dass meine Bedürfnisse im Alltagsleben auf ein Minimum geschrumpft sind und ich mich dem Teufelskreis des Konsums nicht unterworfen fühle. Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Man braucht für diese Erkenntnis keine Fahrradreise zu machen, jedoch kann einem eine Fahrradreise helfen, dies zu erkennen. Das Wertvollste im Leben ist die Zeit (in Gesundheit). Diese mit dem zu füllen, was einem Wichtig ist, ist die große Kunst, ja das große Rätsel auf dem Weg zum glücklich sein. Denn herauszufinden, was einem wichtig ist, ist schwieriger als jede mathematische lösbare Gleichung.

Eine Nacht unter Sternen

Was bleibt außer der Demuterweiterung, der Vitalität des Lebens und der schönen gesehene Naturlandschaften nach so einer Reise?

Es bleibt das ständige Abenteuer, das ständige Wissen des Nichtwissens der tag-täglichen Geschehnisse, welches spannender als jeder Film, jeder Roman jede noch so gute Geschichte ist. Diese Erfahrungen nimmt die keiner mehr, sie sind tief in einem drinnen. Versteckt und doch bereit jederzeit wieder zum Leben erweckt zu werden.

Es bleibt das Wissen, welches man über ein Land erfahren hat. Man kennt es nicht nur aus Büchern, in denen die komplexe Welt menschlicher Gemeinschaften nicht selten unzureichend beschrieben wird bzw. mit Hilfe einer statistischen Ebene heruntergerbrochen wird. Ein Land zu bereisen, die Menschen vor Ort zu kennen und sie auch im Umfeld der dort herrschenden Natur zu erleben, lässt Meinungen, Beschreibungen oder Analysen über diese Menschen besser einordnen, ja sogar wiederlegen.

Der Norden Argentiniens – neue Kulturen= neue Erkenntnisse

Es bleibt eine zusätzliche Sprache, die ich ohne Vorkenntnisse erlernt habe. Auch wenn ich sie nicht perfekt beherrsche, so gibt es mir doch die Möglichkeit mich mit ca. 400 Millionen Menschen in ihrer Muttersprache zu unterhalten.   

Es bleibt die Auseinandersetzungen mit verschiedenen Kulturen, von denen jede ihre positiven Aspekte, aber auch (meiner Meinung nach) negativen Aspekte zum Vorschein brachte, mich jedoch jedes Mal zu einer Bewusstseinserweiterung führte. So kann ich mir immer die positiven Seiten herausziehen und versuchen, sie in meinem Lebensumfeld zu integrieren. Die (meiner Meinung nach) negativen Aspekte einer Kultur gilt es zu verstehen und daraus für die gesamte Kultur als solches ein Grundrespekt zu erlangen, die nicht nur durch die Brille meiner kulturellen Prägung gesehen wird. So bleiben nach dieser Reise auch ein größeres Verständnis bzw. respektvollere Toleranz gegenüber anderen Kulturen. Aus dieser Grundtoleranz heraus, fällt es einem dann auch leichter, trotzdem auf „Schwachstellen“/“Probleme“ einzelner Kulturen eingehen zu können.

Es bleiben tausende positive Erinnerungen und einige Freundschaften, die entstanden sind und bis heute halten. Es ist schön ein Land zu verlassen und zu wissen, dass man Freunde in diesem Land hat. Auch wenn es ein bisschen hochgegriffen ist, so fördert eine Fahrradreise auch in gewisser Weise die Völkerverständigung. Es findet ein kultureller Austausch statt, ein Kennenlernen, ein Verständnis für das Fremde und im besten Falle eine Freundschaft, die verhindert, dass politische oder wirtschaftliche Eliten einen Keil zwischen uns Menschen treiben. So fühle ich heute mit den Menschen in Chile mit, die unter einem Joch des Neoliberalismus zu leiden haben, welches den Armen kaum Chance bietet sozial aufzusteigen. Wo das Militär gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wird, um die Interessen einiger Wenige mit teils brutalen militärischen Mitteln zu verteidigen. Was ich gestern nur als Randnotiz in den Nachrichten wahrgenommen hätte, ist heute ein Ereignis, welches meine Freunde betrifft.

Es bleibt eine Liebe zur Natur, eine Liebe zu den Menschen, eine Liebe zu einem Menschen. Eine Positivität, die ich bei all den negativen Schlagzeilen im Alltag, vermissen würde. Das Leben ist schön.

Ein Vogel auf meiner Hand-die kleinen Freuden des Lebens

Es bleibt aber auch die Freude wieder nach Hause zu kommen. Familie und Freunde zu sehen. Das, was man hier hat, bewusst erfahren und auch schätzen zu dürfen. Sowohl auf gesellschaftlicher-systemischer als auch auf privater Ebene. So kann die Reise auch die Erkenntnis fördern, die menschlichen Beziehungen und die Gesellschaft, in der man Leben darf, zu schätzen. Dies führt wiederum zu einer größeren Zufriedenheit, die Grundstein für das Glücklichsein ist.

Überraschung am Flughafen in Zürich

Eine Fahrradreise, so wie ich sie führe, ist bestimmt nicht für jeden geeignet und führt auch nicht automatisch zum Glücklichsein. Es gibt Menschen, denen ist es wichtig Karriere zu machen, wiederum andere haben schon immer den Traum ein Haus zu bauen, andere wiederum gehen gerne zu Konzerten oder Opern, für den anderen ist es wichtig, seine politischen Überzeugungen verwirklicht zu sehen, manche haben vor, schon früh eine Familie zu gründen und dann gibt es einige, die gerne Abenteuer erleben. Man braucht keine Fahrradreise, um glücklich zu sein. Doch sie kann Beispiel dafür sein, dass man Träume, die man hat, auch versucht zu verwirklichen. Das man das Leben, die Zeit, die man hat, so weit möglich, mit dem verbringt bzw. das tut, was einem wichtig ist. Wenn man es dabei noch schafft, seine, durch den Konsumismus beeinflusst, materiellen Bedürfnisse zu reduzieren, merkt man, dass man viel weniger Geld braucht als zunächst angenommen. Da Zeit bekanntlich Geld ist, hat man mehr Zeit sich dem zu widmen, was einem wichtig ist.

Ich mache mich von meiner Bank nun wieder auf, gehe zurück in den Alltag, in das Leben, das mir auch Spaß macht. Das Unterrichten von Kindern, das Erweitern des theoretischen Wissens, die Zeit mit Familie und Freunde. Doch jedes Mal, wenn ich allein bin inmitten der Natur, kribbelt es wieder in mir. Den Geruch der Natur und der Freiheit spürend, warten neue Abenteuer auf mich. Ich sehe mich schon wieder auf das Fahrrad steigen, ohne zu wissen, wo ich heute schlafe oder wen ich heute treffe. Ob in einem Jahr, in fünf, zehn oder zwanzig Jahren. Ich weiß es nicht. Aber die Zeit wird kommen. Zeit meines Lebens.

Die Zeit wird wieder kommen…

               


2 Kommentare

Jonathan · November 6, 2019 um 11:18 pm

Ahah, I laughed at that photo from the river in Chile. I think there is missing a human presence in it 😉
Good reflexion. It’s hard to be torn between adventures and comfort.

Robin · November 10, 2019 um 9:54 pm

Hey Freddy,
sehr schöner Abschluss deiner Reiseberichte!
Allerdings kann ich das hier:
„Denn herauszufinden, was einem wichtig ist, ist schwieriger als jede mathematische lösbare Gleichung.“ nicht bestätigen 😉

Besten Gruß aus der Heimat!

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