Über den Dächern von San Pedro

San Pedro ist eine Kleinstadt in Norden Argentiniens mit ca. 57.000 Einwohner. Ich habe fast 3 Monate in dieser Stadt gelebt. Kein Tourist hat sich währenddessen dorthin verlaufen. Ein Erfahrungsbericht und Eindrücke aus einer Kleinstadt fernab der argentinischen Touristengebiete.

Das Haus

Die Gasse vom Haus weg

Schon das Haus, in dem ich lebe unterscheidet sich grundlegend von den für uns gewohnten Häusern in Deutschland. Die Häuser hier sind offen gebaut, eingebaute Heizungen gibt es nicht. Im Sommer wird es sehr schnell mal 40 Grad. Trotz den für uns nicht gerade niedrigen Temperaturen von 10 Grad, wird es im Winter in den Häusern schnell kalt. Dies hat sicherlich auch mit der hohen Luftfeuchtigkeit zu tun, die in der eher tropischen Zone Argentiniens herrscht. Die Schuhe werden nicht ausgezogen, auch nicht in den einzelnen (Kinder-) Zimmern. Eine Angewohnheit mit der ich mich so recht zurechtfinden kann. Vor allem bei den weitestgehend ungeteerten Straßen und den vielen herrenlosen/frauenlosen Hunden kann eigentlich täglich geputzt werden. Doch die offene Struktur hat auch seine Vorteile: Gestank, ob aus der Toilette oder auch der Küche verziehen schnell. Vor allem bei den vielen frittierten Gerichten ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Morgens weckt mich das Radio das (für deutsche Verhältnisse) laut bis sehr laut aufgedreht wird. Das läuft dann auch den ganzen Tag durch. Als ich mich einmal über diese unverständliche Angewohnheit informiere, wird mir dessen Intention bewusst. Das Radio ist dazu da möglichen Einbrecher zu signalisieren, dass jemand im Haus ist. Die Kriminalitätsrate ist hoch, auch in dem Haus, in dem ich lebe, wurde schon versucht gewaltsam einzudringen. Olivia und Achilles, die beiden Haushunde, sind auch dazu da, mögliche Einbrecher abzuschrecken. Vor allem der kleinere Hund Achilles macht leider lieber Lärm in Form des Bellens bzw. jagt auf fremde Katzen, die vor allem nachts an der Häuserstruktur herumschleichen. An das immer wieder aufkommende Bellen muss ich mich erst gewöhnen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beginne ich die Hunde aber zu lieben, auch wenn Olivia durch ihr Hochspringen des Öfteren meine Kleidung schmutzig gemacht hat.

Achilles
Olivia
Achilles`Albtraum: EIne Katze auf dem Dach

Auf das Äußere eines Hauses wird lange nicht so viel wert gelegt wie in Deutschland. Unverputzte Wände, unfertige Stellen, fensterlose, nicht fertige Zimmer gehören ebenso dazu wie fast kaputte Küchenutensilien jeglicher Art. Wenn Geld da ist, wird ein Stück weiter gebaut (z.B. Fenster eingesetzt). Dinge werden so lange benutzt, bis sie wirklich kaputt sind (D.h. im schlimmsten Fall, dass man bei einem Ofen die ganze Zeit mit einem Messer den An-Knopf im Innern betätigen muss oder das Pfannen oder Töpfe in der Regel keine Henkel mehr haben. Auch wenn ich mich das ein oder andere Mal darüber aufrege, bewundere ich die Gelassenheit und die Selbstverständlichkeit mit welchen die Menschen mit den für uns störenden Faktoren umgehen. Auch zeigt es mir, welche extreme Verhaltensweisen wir uns angewöhnt haben. Selbst wenn Dinge nicht kaputt sind, werden bei uns jährlich neue Ausrüstungsgegenstände gekauft, auch wenn die alten noch völlig funktionstüchtig sind. Darüber hinaus lohnt es sich fast nicht kaputte Gegenstände zu reparieren. Oft ist der Neukauf günstiger. Firmen produzieren sogar bewusst Gegenstände so, dass diese nach ein paar Jahren wieder kaputt gehen, damit der Kunde neu einkaufen muss. Stichworte: Verschwendung, Konsum, Umweltverschmutzung und Zerstörung sind hier zu nennen. „Wir haben einfach zu viel Geld“, denke ich mir und rege mich gleichzeitig auf, dass ich die heiße Pfanne nur mit einem alten Lappen anfassen kann, weil kein Pfannenstiel mehr vorhanden ist.

Es ist nicht selten, dass mehrere Generationen in einem Haus leben. Gerade die Kinder leben auch noch im Alter von über 30 in den Häusern der Eltern. Teilweise ist dies auch notgedrungen, denn finanziell geht es den Menschen, vor allem seit den letzten Jahren, schlechter.

Familie

Das Thema „Familie“ stellt sich nicht nur in der Kleinstadt San Pedro, sondern in ganz Argentinien als sehr widersprüchlich dar. Zum einen wird „der Familie“ eine hohe Bedeutung zugesprochen. Man hat viele „Onkels“, „Cousins“, „Tanten“(auch wenn nicht alle nach deutscher Definition dazugehören würden) mit denen auch regelmäßig und intensiv Kontakt gehalten wird (natürlich auch wie in Deutschland abhängig von der Beziehung zwischen den jeweiligen Parteien). Ich habe das Gefühl gehabt, dass die Familie einen sehr zentralen und wichtigen Pfeiler im Leben der Menschen einnimmt. Auch z.B. weil es (finanziell) anders gar nicht anders geht (wie z.B. das Wohnen in einem Haus oder das selbstverständliche und nicht weiter debattierte Teilen von Einkommen). In der Familie, in der ich untergekommen war, wurde z.B. in den Wochentagen am Mittagessen immer gemeinsam gegessen (Enkel, Kinder, Vater). Ein Umstand, der bei uns wohl nur noch in den wenigsten deutschen Familien vorkommt. Gleichzeitig habe ich aber bisher auch kein anderes Land kennengelernt, in dem so viele Familien auseinandergebrochen sind, Ehepaare getrennt sind oder Kinder ohne präsenten Vater bzw. Mutter aufwachsen. Ich habe nur drei Familien in ganz Argentinien kennengelernt, die ein „klassisches“ Familienbild aufweisen. Dieser Umstand kann, muss aber nicht unbedingt negativ bewertet werden, denn, neben dem Vorteil, dass eine Trennung in vielen Fällen besser für alle Beteiligten ist, als eine unglückliche Beziehung, in Argentinien gab und gibt es einen großen Machismus, Gewalt gegen Frauen und Männer und es werden Frauen, sobald sie schwanger werden, im Stich gelassen. Gleichzeitig gibt es aber auch eine große Liberalität, wenig sexuelle Aufklärung und (hier im Norden) viel Alkohol und Party schon in jungen Jahren. Eine Mischung von Umständen, die dazu führt, dass es keine Seltenheit ist, dass einige Mädchen im Alter von 15-18 Jahren schwanger werden.

Leben in der Stadt

Kinder aus der Nachbarschaft

Wenn ich das Haus verlasse ist es meistens laut, es herrscht viel Verkehr und ein lebhaftes Treiben in der Stadt. Kinder springen im Viertel umher und spielen mittags/abends eine Form des „Räuber und Gendarm“. Fast jeden Morgen schaue ich bei der Gemüsehändlerfamilie vorbei, die gleich um die Ecke täglich ihren Stand auf- und abbaut. Der Weg dorthin ist gefährlich: überall lauern Hundekotfallen. „Es finden sich viel mehr Sandwich – und Hot-Dog-Verkäufer/innen auf der Straße als noch wenige Jahre zuvor“, berichtet mir eine Freundin. „Warum?“, frage ich schon halb ahnend nach. „Die wirtschaftliche Lage hat sich erheblich verschlechtert. Die Familien brauchen jeden Pesos!“. Das heißt, dass Familien ihre Kasse aufbessern, indem sie am Abend noch zusätzlich ein paar Sandwiches oder Hot-Dogs verkaufen. Viel kommt dabei nicht herum: mehr als ein paar Euro am Tag werden es nicht sein.

Straßenverkäufer bei einer Parade
Darfs ein Eis sein?

Nichtsdestotrotz nehme ich eine Stadt war, die das Leben weitestgehend genießt. Man kennt sich, trifft sich auf der Straße, unterhält sich. Ob in Supermarktketten, kleinen Läden oder beim Straßenverkäufer: man hat das Gefühl, dass hier noch etwas zu finden ist, was bei uns verloren gegangen zu sein scheint: Zeit füreinander! Die Menschen haben und nehmen sich die Zeit sich zu unterhalten, auszutauschen und somit die Gemeinschaft spüren zu lassen. Was ich auch nur aus Kinderbüchern kenne, ist das große Angebot an täglichen Straßenverkäufern, die geröstete Erdnüsse, Zuckerwatte, Hot-Dogs oder andere Waren meist um den zentralen Platz, Plaza de San Martin, verkaufen. Während zwischen 13.00-17.00 Uhr fast alle Läden geschlossen und kaum Menschen auf der Straße sind, steppt der Bär dafür am Abend so richtig. Leider ist der Verkehr, vor allem die vielen teils sehr lauten Roller, für mich sehr störend. Warum werden die Innenstädte nicht komplett für den Autoverkehr gesperrt. Es wäre so viel mehr Lebensqualität.

Viel los auf den Straßen von San Pedro

So positiv das lebendige Treiben der Menschen ist, so negativ fällt mir das geringe Angebot für Fuß-Spaziergänger, Fahrradfahrer oder einfach nur für Seelenbäumler auf. Kaum grüne Flächen, wenig Gehwege und wenn dann sehr schmutzig, kaum ruhige Orte und überall ist der Verkehr. Der vor wenigen Jahren gebaute „cyclovia“ (Fahrradweg) ist immerhin ein Versuch, das tief verankerte Bedürfnis des Menschen nach Ruhe und Natur zu befriedigen. Dieser 2km lange Fahrradweg erfreut sich unter der Bevölkerung großer Beliebtheit. Egal ob jüngeres Publikum beim Mate-Trinken, ältere Menschen beim gemütlichen Spazieren oder junge Erwachsene beim Sport treiben: Zu fast jeder Tageszeit herrscht viel Betrieb auf dem 1 Meter schmalen „Fahrradweg“, dem auch ich regelmäßig einen Besuch abstatte. Leider kann man aufgrund der anliegenden Hauptstraße auch hier nicht 100% entspannen. Vor allem nicht am Sonntag, denn an diesem Tag kontrolliert die Polizei auf der Straße nicht, dessen Kontrollvakuum dann schnell von jungen, hormongeleiteten Jugendlichen eingenommen wird, die hier mit motorisierten Zweirädern „wheelies“ machend die Straße hoch und runter düsen! Was mach zu meinem nächsten und letzten Thema bringt: die Freiheit.

Der Fahrradweg zur stillen Minute

Freiheit

Wie frei sollte der Einzelne in einer Gemeinschaft sein dürfen? Auch wenn sich der Individualismus immer stärker durchzusetzen scheint, so wird die Freiheit des Einzelnen immer stärker eingeschränkt. Gesetze, Vorschriften, Verbote sind allgegenwärtig und haben oft auch ihre Daseinsberechtigung, da sie Ordnung und Sicherheit in unsere Gesellschaft bringen und im großen Allgemeinen dadurch wiederum eine hohe Lebensqualität geschaffen haben (auch wenn in den letzten Jahren Gesetze verabschiedet wurden, die unter fragwürdigen Sicherheitsgewinn-Argumenten unsere Freiheit eingeschränkt haben). In San Pedro habe ich die Vorzüge der größeren Freiheit, aber auch die dadurch enstehenden negativen Auswirkungen kennengelernt.

Gerade wir Deutschen haben die Angewohnheit sich wegen kleineren Dingen schnell aufzuregen. Grillt man auf dem Balkon oder hört man abends mal etwas lauter Musik, wird ein Großteil der bei uns Lebenden von seinem deutschen Durchschnittsbürger schnell in einem Gespräch aufgefordert, doch bitte das Grillen auf dem Balkon bzw. die Musik abzustellen. Hier scheinen solche Dinge niemanden zu stören: Ob laute Musik am Abend oder das Grillen und der damit verbundene Rauch in der Nachbarschaft scheint keinen zu stören. Da darf die Musik auch mal am Wochenende um 3 Uhr nachts so laut eingeschaltet sein, dass es die ganze Nachbarschaft mitbekommt. Man toleriert, wenn man sie überhaupt als solches wahrnimmt, störende Faktoren, hat im Gegenzug aber auch die Freiheit „störende Faktoren“ zu produzieren.

Die Existenz von Regeln und das Einhalten von Regeln sind in Argentinien zwei paar Schuhe, die in seltenen Fällen von den Menschen zeitgleich angezogen werden. So herrscht eine Helmpflicht, aber kaum einer hat ein Helm auf. Es herrscht „rechts-vor links“, doch wer zuerst fährt, hat hier das Vorfahrtsrecht. Gerade in den Fällen des Straßenverkehrs kann ich das Nicht-Einhalten der Verkehrsregeln und die fehlenden Kontrollen nicht verstehen, da die negativen Auswirkungen mit vielen Verletzen und Toten im Straßenverkehr (4 Mal so hoch wie in D.) täglich von der Bevölkerung erfahren werden.

Allgemein gehen die Argentinier mit Handlungen anderer nicht so belehrend vor, wie wir das hier tun. Ich wurde noch nie darauf angesprochen, dass „ich dies oder jenes nicht machen soll“, obwohl es bei meiner Reiseweise dazu durchaus öfter die Gelegenheit gab. Den Menschen war es völlig egal, ob ich im Park mitten in der Stadt mein Zelt aufschlage oder mit der Jogginghose im Restaurant essen gehe. So wird es auch akzeptiert, dass andere Reisende ihre Kunstwerke auf der Straße verkaufen, um sich die Reise zu finanzieren. Wenn es kleinere Schäden am Auto gibt, wird nicht gleich mit dem Anwalt gedroht, sondern man spricht sich kurz aus und dann geht jeder seines Weges

Man hat hier mehr Freiheit, muss im Gegenzug aber auch mehr tolerieren. Nicht alles heiße ich für „gut“, da es einige Themenfelder gibt, in denen durch eine Freiheitskürzung, die Lebensqualität der Menschen verbessert werden würde (v.a. im Straßenverkehr). Nichtsdestotrotz habe ich das auf starke Toleranz ausgeprägt Gesellschaftssystem zu schätzen gelernt. Es ist wie mit fast allen Ländern, die ich bisher bereist habe: Was den Deutschen fehlt, ist bei anderen Nationen zu stark ausgeprägt. Umgekehrt ist es das Gleiche. So können wir immer von anderen Ländern etwas lernen, selbst wenn es kleine Dinge, wie, dass ich es auch einmal akzeptiere, wenn der Nachbar nebenan grillt und der Rauch für eine Stunde in mein Zimmer zieht, sind.

Und nun noch ein Phänomen, das überall in Argentinien aufzufinden ist: lange Schlangen (hier vor einer Bank in San Pedro):

Teil 1 der Schlange
Teil 2 der Schlange

3 Kommentare

Jonathan · Juli 25, 2019 um 1:58 am

Jeeeeez man ! The noise, the goddamn noise ! And the dogs. I swear, man, I would end all the dogs in the night.
Anyway, good positivity, as always. You’re a true hero !

Jensolli · September 11, 2019 um 7:03 pm

Hallo, ein wirklich toller Reisebericht über eine fantastische Reise durch die atemberaubenden Landschaften Südamerikas. Ich habe den Blog mit Genuss gelesen und versucht auf der Karte und auf Google Maps den Reiseweg nachzuvollziehen. Jetzt habe ich richtig Fernweh. Und dann noch die vielen sternklaren Nächte unter dem südlichen Sternenhimmel ohne Lichtverschmutzung….. Wow.

    Frederic Fritz · September 22, 2019 um 8:54 am

    Dankeschön.

    Ich hoffe, dass dich das Fernweh bald in die Ferne treibt :
    Immer wieder schön 🙂

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