„Pare!Pare!“ (Anhalten!Anhalten) halt es aus den hinteren Rängen des Busses zum Busfahrer nach vorne. Eine Flüssigkeit läuft vom hinteren Teil des Busses nach vorne. „Nafta, Nafta“ (Benzin, Benzin), rufen die Ersten.

Ohne Rad unterwegs


Ich sitze in einem klapprigen, alten Mercedes Bus auf dem Weg Richtung dem kleinen, indigenen Bergdorf Iruya im Norden Argentiniens als schon nach 10 Minuten Fahrt diese Flüssigkeit an meinen Füßen vorbei sich an die Unterseite meiner Tasche schmiegt. Der Busfahrer hält an und beruhigt dann alle: Es handelt sich um Wasser, welches von der Heizung ausläuft. Er putzt notdürftig und setzt sich wieder ans Steuer. „Otra vez“ ( „Auf ein Neues“) , schalt es nach weiteren 5 Minuten wieder aus den hinteren Reihen. Der Busfahrer putzt wieder auf und fährt dann wieder weiter. Ich nehme die Flüssigkeit, die immer wieder von hinten nach vorne auch unter meinem Platz vorbeifließt stoisch zur Kenntnis. Das ist das Abenteuer, das ist die Authentizität, nach der man als Backpacker sucht. Es ist der Beginn eines kleinen Abenteuers, das dieses Mal ohne Fahrrad stattfindet.


Die Zeit ohne Fahrrad ist eine schwere, mit Sicherheit die schwerste Zeit, die ich bisher auf meinen Fahrradreisen hatte. Ich bewege mich mit dem Bus im Norden Argentiniens fort. Mit traurigem Fahrradreiseherzens beobachte ich die Landschaft neben mir vorbeiziehen. Wie gerne wäre ich mit dem Rad unterwegs, wie sehr vermisse ich den Duft der Freiheit, die körperliche Anstrengung, die menschlichen Begegnungen. Doch die Zeit in Iruya sollte mir wiedererwarten neue, schöne Erfahrungsschätze bringen, die mit denen des Fahrradfahrens gleichziehen kann.

Das Dorf Iruya bei Nacht


Der Bus holpert sich auf der ungeteerte Straße voran. Erst geht es die Serpentinen bis fast 4000 m nach oben, dann wieder mehr als 1000 Höhenmeter wieder nach unten. Das Klappern des Busses wird durch die Folklore begleitet, die aus dem Radio des Busfahrers ertönt. Nach circa 3,5 Stunden steige ich aus dem bestimmt mehr als 40 Jahre alten Mercedes Bus aus und laufe mit meinem semi-komfortablen gepacktem Gepäck Richtung Dorfzentrum Iruya. Es ist ein schönes Dörfchen, von der indigenen Dorfbevölkerung selbst verwaltet, welches mitten in einem Tal umgeben von bis zu 4000m hohen Bergen liegt. Es befinden sich noch weitere indigenen Dörfer im nordargentinischen Hinterland. Der Zugang zu diesen Dörfern – den im Winter kleinen, aber im Sommer reisenden Fluss San Isidro. Es gibt keine Straßen mehr, einige Minidörfer sind nur per Fuß zu Erreichen. So mache ich mich nach einem Tag und einer Nacht in dem netten Dorf Iruya auf zu dem Dorf Pantipama auf 4000m Höhe, um danach bergab in das Dorf San Isidro eine Nacht zu verbringen.
Es gibt keine Wegweiser, dafür aber zig Menschen-Tierpfade. Die Wahl des richtigen Weges ist ein Mix aus Glück, Intuition und Information vorbeilaufender Einheimischer. So mache ich mich am Morgen auf ins Ungewisse.

Nach ganz oben soll es gehen – nur wie?


Der erste Fluss, das erste Hindernis. Wo gehe ich am besten drüber ohne schon am Morgen nass zu werden. Im feinen Balanceakt schwebe ich mit Hilfe größerer Steine hinweg über den Fluss, nur um dann doch am Ende mit einem Fuß im Wasser zu landen. Der Zugangsweg, um die ersten 1000 Höhenmeter zu überwinden, findet sich nicht leicht. Denn vor mir sehe ich nur eine Wand aus Fels und kann nicht glauben, dass es hier irgendwo ein Weg gibt. Doch meine Spürnase hat den richtigen Riecher: über einen ausgetrockneten Flussverlauf geht es gen Oben. Schon nach 30 Minuten atme ich schwerer als ich es sonst gewohnt bin, die Lunge brennt. „Hola“, rufe ich einem älteren Herr zu, der leichtfüßig mir auf dem steilen Pfad entgegenkommt. Kurze Zeit später ein weitere Mann, der wie aus dem Nichts auftaucht. „Buen dia“, er hält an und erkundigt sich bei mir, wohin ich den hin will. Als ich ihm mein Ziel mitteile, gibt er mir die hilfreiche Information: „Das dauert noch 3 Stunden. Bist du oben angekommen, geht es nach dem großen Stein nach links.“ „Gracias, amigo“, dann kann ja nichts mehr schiefgehen. So setze ich weiter einen Fuß nach dem anderen auf den Boden und bin immer wieder überrascht, wie sich ein Weg durch diese Felsgestein findet. Immer wieder brauche ich kleinere Verschnaufspausen, der Höhe aber auch meinem Tempo geschuldet. Immer wieder halte ich aber auch an um die Landschaft und den Ausblick zu genießen ( Das Video des vorletzten Beitrags ist übrigens von diesem Aufstieg). Ein Vorteil der Wanderns: Man kann der Natur größere Aufmerksamkeit schenken. Nachteil: das Gepäck auf dem Rücken stört. Als ich nach gut 1,5 Stunden oben angekommen bin, gehen 2 Pfade nach links und einer nach rechts. Ich nehme den am „linkesten“ Pfad, da er auch der meist benutzte zu sein scheint. Wenig Zeit später, liege ich mich hin, lasse die Sonne auf meinen Körper prallen und genieße die Einsamkeit inmitten der Berge.

Am chillen


Plötzlich läuft eine Frau an mir vorbei, grüßt freundlich und fragt, wohin ich den gerne gehen will. Wieder wird mir mit Aussagen zu dem zu nehmenden Pfad geholfen. Leider verlaufe ich mich später trotzdem, bzw. kann mich von 3 vorhandenen Pfaden nicht entscheiden. Kühlen Kopf bewahren, die Gegend betrachten und ein Pfad nach dem anderen ausschließen. Wieder wird es der breitere und wohl meist begangene Pfad, der mir den Weg weist. Wieder sollte es der richtige sein. Es geht dieses Mal noch höher als zuvor, wieder lass ich die Umgebung auf mich wirken, bevor ich 30 Minuten später den Abstieg ins Dorf San Isidro beginne.

Dort werde ich wieder einmal Zeuge einer Menschlichkeit, die ich so manches Mal im reichen Deutschland vermisse.


Das Dorffest steht in dem 300 Einwohner großen Dorf an. Am Abend kommt ein 4×4 Auto nach dem anderen unten am Fluss an. Es sind überwiegend die jungen Menschen, die in den großen Städten weit weg vom Dorf Arbeit oder Ausbildungsplatz gefunden haben, die zum Highlight des Jahres zurück in ihr Dorf kommen. Während heute Abend Gottesdienst, Prozession und gemeinsames Essen stattfindet, geht es morgen mit der großen „Baile“ ganz rund.

Gottesdienst ( ich wollte nur eine kurze Sequenz filmen, um nicht „touri-like“ zu wirken, sondern den Moment wirken zu lassen

Es ist dunkel, ich liege im Bett und will eigentlich nicht runter ins Dorfzentrum, das aus einer kleinen Gasse und einer kleinen Kirche besteht. Doch die während des Gottesdienst immer wieder abgefeuerten XXl Böller, die das ganze Tal beschallen, gebe mir dann doch einen Ruck. Ich laufe die 200 Meter runter und beobachte. Nur vereinzelnt sind Touristen zu sehen. Ich stelle mich etwas an den Rand und beobachte weiter:
Der Gottesdienst ist immer noch im Gange, jedoch kann man ihn nicht mit den hiesigen Gottesdiensten vergleichen. Der Gottesdienst ist merklich von indigenen Bräuchen beeinflusst. Es werden Tänze mit Masken von Tieren aufgeführt oder auch Musik mit indigenen Musikinstrumenten gespielt. Was die Aufführungen zu bedeuten haben oder was der genaue Hintergrund desssen ist, weiß ich nicht. Jedoch bestaune ich das große Interesse und die große Pflege des Brauchtums, welches hier vorherrscht. Der heimliche Star des Abends ist ein Clown. Dieser Clown, mit einer etwas eher verschreckenden Maske verziert und schwarz gekleidet, treibt die ganzr Zeit über sein Schabernack. Sehr zum Gelächter der answesenden Personen, auch ich muss mehrmals lachen. Der Gottesdinest ist sehr lebendig gestaltet. Vielleicht kann sich die katholische Kirche davon eine Scheibe abschneiden. Einen lebendigen Gottesdienst, das wäre doch mal was. Was danach folgt, hält mir zum wiederholten Mal vor Augen, was falsch läuft in unserer reichen Gesellschaft. Obwohl die Menschen hier sehr arm sind, gibt es ein Essen für alle! Ich will mich erst nicht anstellen, auch wenn ich andere Touristen zugreifen sehe, doch dann spricht mich ein junger Mann an und meint, dass es Essen gibt. Es ist ausdrücklich für alle gedacht. Ich stelle mich an, bekomme den Teller mit leckerem „locro“ (nordargentinische Spezialität) voll und setzt mich in den Kreis zu allen anderen. Ein Mann kommt wenig später mit einer Sprite-Flasche vorbei und schenkt mir ein Glas ein. Es ist ein schönes Gefühl, die Gemeinschaft, die hier vorherrscht, spüren und erleben zu können. Und gleichzeitig frage ich mich: Warum gibt es so etwas bei uns nicht?!?! Ganz im Gegenteil: Da wird einmal im Jahr das Seenachtsfest gefeiert und die Einheimischen dürfen nur über eine sehr hohe Gebühr auf das Festgelände. Immer steht das Geld im Vordergrund. Es muss wirtschaftlich sein, als ob der Sinn des Lebens in der Anhäufung von Geld liegt. Wie wäre es mal mit einem Gratisessen im Stadtgarten, gesponsert von der Stadt oder den Wohlhabenden! Für alle Menschen! Egal ob Grün, weiß, gelb, Muslim oder Christ. Ähnlich habe ich das z.B. auch in der Türkei während dem Ramadan erlebt: Auch hier gab es täglich ein Gratisessen- gesponsert von den Wohlhabenden! Auf den ersten Blick wäre es vielleicht nicht wirtscaftlich, doch es würde zurück bringen, was Ursache vieler Probleme ist: Der Verlust einer gefühlten Gemeinschaft. Kann sein, dass es gemeinsame Gratisessen schon schon gibt, ich davon aber noch nichts gehört habe. Ich meine mich aber zu erinnern, dass solche Anebote meistens exklusiv sind, also einen Teil der Bevölkerung ausschließen. Zumindest was das Seenachtsfest betrifft, scheint es ja eine Kehrtwende zu geben. Es bleibt zu hoffen, dass zumindest einmal im Jahr, das zentrale Interesse am Geld zur Nebensache wird.

Teil des Dorfes San Isidro mit „Flussstraße“ links unten


Ich verlasse am Abend die Feier mit einem Gefühl der Scham. Der Scham, dass mir oft der einfache Mann zeigen muss, was Menschlichkeit und das Leben miteinander bedeutet.


10 Kommentare

Stefan · Juli 5, 2019 um 6:28 pm

Hey Freddy,

schön dein Ausführungen über Gemeinschaft und Lebendigkeit von Gottesdiensten zu hören. Da bin ich voll bei dir. Sollten wir in Deutschland öfter so großzügig und einladend praktizieren, wie du das erlebt hast! Ich freue mich, dass du auch ohne Rad – man kann es kaum glauben 🙂 – Spaß hast und das Wandern genießt. Nicht umsonst bezeichnet das Wort Wanderlust im englischsprachigen Raum „Someone who has a strong desire to travel.“ Das passt zu dir. Hoffe, dir geht es auch gesundheitlich wieder besser. Bei uns am PDG neigt sich das Schuljahr dem Ende zu und die legendäre School’s out Party eskaliert am 26.7., falls du da schon wieder in D. bist:) Liebe Grüße!

Freddy · Juli 9, 2019 um 9:54 pm

Hey Stefan,

Schön von dir zu hören und noch schöner zu hören, dass dir mein Beitrag über die Gottesdienste gefallen hat. Ich kann much aber auch noch gut an deine Ausführungen über deine Gemeinde erinnern und dein Engagement in diesem Bereich. Ihr scheint diesen ja wesentlich lebendiger zu begleiten.

26.7. wird bei mir schwierig, da ich an dem Wochenende auf einer Hochzeit bin…
Ich würde mich aber freuen, die Schule udn vor allem euch zu besuchen.
Darüber hinaus habe ich ja auch versprochen einen kleine Vortrag an der Schule zu halten ( über die zweite Fahrradreise)

Liebe Grüße vom Bodensee

Mira Schwarzer · September 8, 2019 um 10:00 pm

Hallo Fredy,

per Zufall bin ich auf deinen Blog gestoßen und bin nach wenigem Lesen schon hin und weg. Ich durchreise zurzeit Kolumbien und bin ebenso fasziniert von den Menschen hier und deren einfachem Lebenstil sowie die unglaubliche Freundlichkeit und Herzlichkeit in diesem Land. Man sieht die Armut an fast jeder Ecke, aber die Menschen sind trotzdem glücklich und dankbar für das was sie haben und dass macht mich sprachlos. Wir DEUTSCHEN können uns ne große Scheibe davon abschneiden. Du bringst es also auf den Punkt und ich finde es schön, dass es Menschen gibt die hinaus in die Welt wagen und auch mal über den Tellerrand schauen, zu reflektieren und seine Einstellung zum Leben zu überdenken. Hier die Stichwörter Dankbarkeit und Wertschätzung Danke DIR für diesen tollen und inspirierenden Blog. Mach weiter so !!!! Ebenfalls vom Bodensee 🙂
Liebe Grüße Mira

Frederic Fritz · September 10, 2019 um 7:55 pm

Hallo Mira,

schön zu hören, dass du auch so viel Positives von den Menschen erfahren hast.
Danke für die lobenden Worte. Ich gebe mein Bestes so reklektierend wie möglich Positives ud Negatives verschiedener Lebenseinstellungen und Kulturen zu betrachten.

Bist du auch mit dem Fahrrad unterwegs?

Beste Grüße,

Freddy

    Mira Schwarzer · September 19, 2019 um 11:39 am

    Hallo Freddy,

    ich habe Kolumbien als Backpacker durchreist, aber das Reisen mit dem Fahrrad steht noch auf meiner To Do Liste und nachdem ich jetzt deinen Blog gelesen habe, kann ich es kaum erwarten mich auf den Sattel zu schwingen und diese tolle Art des Reisens kennzulernen.

    Mit den besten Grüßen
    Mira

      Frederic Fritz · September 22, 2019 um 8:49 am

      Hallo Mira,

      das freut mich. Das Reisen mit dem Rad wird so einiges an schönen Erfahrungen und tollen Erlebnissen bringen.

      herzliche Grüße,

      Freddy

Markavese · Dezember 2, 2019 um 7:52 am

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