Biologischer Wein mitten im Nichts


Graue Wolken hängen am Himmel und verdüstern das Bild der ewig langen, geraden Straße Richtung Guandacol. Doch der Wind schiebt mich an als würde er sich auch wünschen, dass ich so schnell wie möglich in der Hospedaje in Guandacol ankomme, um mir eine Nacht im Bett zu gönnen. Die letzten Tage und Nächte waren von großer körperlicher Anstrengung geprägt. Eine Nacht ohne Ameisen und Sand sollen der Motivation wieder Auftrieb geben. So zumindest der Plan! Doch wer mit dem Fahrrad reist, sollte nicht planen.

Das Schöne am Reisen ist, dass tagtäglich die Fantasie angeregt wird. Die Karte betrachtend stellt man sich Strecken, Tage, Dörfer, Städte, Landschaften vor, die man entdecken wird, doch sehr selten treffen diese Fantasien zu. Mal wird man positiv, mal negativ überrascht. Beeinflusst werden diese Fantasien bzw. Vorstellungen auch von Reiseeindrücke anderer. Wird eine Gegend lobenswert erwähnt, werden positive Erwartungen mit dieser assoziiert. Doch Reiseeindrücke anderer bzw. dessen Urteile sind trügerisch. Sie sind subjektiv und darüber hinaus oft Resultat einiger wenigen, kurzen gemachten Erfahrungen. So werden aus zwei netten, freundlichen Begegnungen in einem Dorf gleich eine gastfreundliches Dorfgemeinschaft. Auch wenn dieses Urteil u.U. zutreffen kann, darf man sich keinesfalls mit dieser Erwartung in eine zukünftige Situation begeben. Denn aus der „gastfreundlichen Dorfgemeinschaft“ erwartet man, dass man hier nur nette Menschen antreffen wird. Passen die ersten Begegnungen nicht in die positive Erwartungen, wird man schnell enttäuscht. So ist es meist geschickter sich ohne jegliche Erwartungen in die Zukunft zu begeben. Einfach selbst seine eigenen Erfahrung machen. Sich überraschen und gleiten lassen.

Trotz allem können positive Berichte bei der Auswahl helfen und bei der Hospedaje „Las Jarillas“ in Guandacol sollte die positiven Berichte im Vorfeld wirklich zutreffen. Mit Ricardo, dem Betreiber der kleinen Herberge, traf ich einen Menschen, der mir wieder zeigte, was Mensch sein bedeutet.
Umgeben von Weinreben und, Pflanzen und Bäumen komme ich schon mittags in der Herberge von Ricardo an.

Ein Ort der Ruhe

Ricardo ist Mitte 60, ehemaliger Geographie Lehrer und bessert sich sein Lebensunterhalt durch die kleine Herberge am Fuße der Pre-Cordillera der Anden auf. Viel Zeit widmet er dem Wein und seinen politischen und philosophischen Schriften. Ob es das beidseitige Interesse an Philosophie und Politik ist oder einfach nur sein warmherziges, freundliches Auftreten: Wir verstehen uns sofort! Ihm geht es nicht darum, reich durch seine kleine Herberge in einem Nebenhaus seines eigenen zu werden, sondern schlicht darum sich den eigenen Unterhalt zu finanzieren. So ist der Preis für ein eigenes Zimmer mit Bad und großen Esszimer und Küche mit 9 Euro sehr gering. „Am Abend trinken wir einen Wein zusammen“, verabschiedet sich Ricardo, nachdem er mir die Unterkunft gezeigt hat. Am Abend kommt er dann mit einer Flasche (biologischem, selbst hergestellten) Wein an, setzt sich an den Tisch und unterhaltet sich mit mir über Argentinien, Europa, Politik und Philosophie. Wie immer verstehe ich nur ein Bruchteil des Castellano, aber sein Wunsch nach einem starken, einigem Südamerika (ähnlich dem Gedanken der EU) sind deutlich herauszuhören. Ich merke, dass ich mich mit Ricardo gerne länger, ausführlicher und fundierter unterhalten würde. Aber meine Castellano-Kentnisse reichen nicht aus und ich will am nächsten Morgen wieder weiter. So verabschiede ich mich am Abend von Ricardo mit der Bitte, doch morgen noch seinen Weinkeller betrachten zu dürfen.

Verfassungsort vieler philosophischer, gesellschaftlicher und politischer Schriften


Doch in der Nacht merke ich, dass etwas mit mir nicht stimmt (aus persönlichen Gründen wird auf die Ursache verzichtet). Mir wird klar, dass ich morgen nicht weiterfahren kann. Als mir gegen 11 Uhr morgens Ricardo entgegenkommt, umarmt er mich freundlich und erkundigt sich nach meinem Befinden. „Ich kann aus gesundheitlichen Gründen nicht weiterfahren: Kann ich noch länger hier bleiben? Was dann geschieht, vergegenwärtig mir wieder, warum meine Homepage den Gedanken “ Vom Guten im Menschen“ aufgreift:

Ricardo „Sokrates“


Ricardo organisiert nicht nur einen Arzttermin und fährt mich zum Arzt, sondern stellt jegliche finanzielle Verpflichtungen für die kommenden Tage in den Hintergrund. Da ich just zu diesem Zeitpunkt kein Geld zur Verfügung habe und auch kein Geld am örtlichen Automaten abheben kann, kann ich nämlich die Unterkunft nicht bezahlen. „Erhole dich solange du willst hier und zahle, wann und was du zahlen kannst. Am Wichtigsten ist mir deine Gesundheit!“, gibt er mir für die nächsten Tage auf den Ruheweg. Doch hier hört seine Nächstenliebe nicht auf: Er fährt mich in ein 60k entferntes, größeres Dorf, damit ich Geld abheben und meine Medikamente holen kann und schenkt mir eine Nacht gratis, obwohl ich diese mehrfach zahlen wollte. Als ich nach 5 Tage wieder aufbreche, verlasse ich seine kleine Wohlfühloase mit einem Freund mehr im Gepäck, dem bestätigt werden des „Guten im Menschen“ und einer Flasche biologischem Rotwein für die Fahrt.

Aus Besitzer und Gast werden Freunde
  • Artikel wurde nachträglich geändert. Der Gedanke ist noch nicht ganz ausgereift… 🙂


Ich bin über die Begegnung mit Ricardo nicht nur aufgrund der positiven Erfahrung mit ihm glücklich, sondern auch weil sie meine These von der Gutmütigkeit und Nächstenliebe des einfachen Menschen bestätigt. Ich bezweifele, dass eine der großen Hotelketten, die den Menschen nur als kapitalbringendes Wesen betrachtet, mir von 5 Nächten ein Nacht gratis gegeben hätte, mich zum Arzt begleitet hätte und mich zu einem 60km entfernten Dorf gefahren hätte, nur um mir und meiner Gesundheit zu helfen. Denn es fehlt die menschliche Nähe/Beziehung zwischen Besitzer und Gast. Dies lässt sich auf viele andere Bereiche der Wirtschaft übertragen. Fehlt die direkte menschliche Beziehung in einem Unternehmen, geht meiner Meinung nach auch immer ein stückweit Menschlichkeit verloren. Das muss nicht immer der Fall sein (auch Großunternehmen kümmern sich sehr gut um ihre Mitarbeiter und Kleinunternehmer behandeln ihre Mitarbeiter schlecht)! Doch wird der Besitzer eines großen Unternehmens nicht die gleiche Nähe zu seinen Mitarbeiter aufbringen können, wie Kleinunternehmen. Die Streichung von 2000 Arbeitsplätzen ist für einen Besitzer eines großen Unternehmens zwar keine einfache Sache, aber sicherlich, in menschlicher Hinsicht, nicht so schwierig, wie für einen Besitzer eines Kleinunternehmens mit 5 Mitarbeiter/innen, einem Mitarbeiter aus finanziellen Gründen die Kündigung einzureichen. Ebenfalls hat der Besitzer und Vermieter eines Hauses eine engere menschliche Beziehung zu ihren Vermietern, als Großinvestoren von vielen Gebäudekomplexe, deren einzige Intention es ist, Geld für sich arbeiten zu lassen. Diese Grundvoraussetzung hat wiederum Auswirkungen auf Probleme/Sorgen der Mieter oder Mieterhöhungen. Da große Unternehmen aufgrund ihrer Kaufkraft in vielen Bereichen kleinere Unternehmen aus dem Markt drängen, geht damit auch insgesamt ein Verlust menschlicher Nähe einher. Diese Entfremdung zwischen Menschen muss zwar nicht, kann aber zu Folgeproblemen führen.


2 Kommentare

Jonathan · Mai 29, 2019 um 3:14 pm

Oh man, what’s happening ! I hope your secret health issue is getting better.

    Frederic Fritz · Juni 1, 2019 um 2:56 am

    It s getting better and better my friend! 🙂
    Waiting for new Cycling stories from your side 🙂

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