„Man muss sich ja auch mal was gönnen“

Glück und lebendiges Leben vereint im Blick( Foto: J.B. Roy)

M. H. gewidmet, der sich mal wieder einen Artikel mit „mehr message“ gewünscht hat und Lesestoff während der Arbeit benötigt:

Es ist diese Aussage oder gut gemeinter Ratschlag, den ich von unterschiedlicher Seite immer mal wieder zu hören bekomme. Bezogen wird er auf meine einfache Lebensweise, die fern des hohen Lebensstandards in Westeuropa liegt. Auch wenn ich diese gut gemeinten Ratschläge nachvollziehen kann, gehen sie an (meiner) Realität vorbei. Denn die Gretchenfrage ist: Was heißt “ sich etwas gönnen“?


Bewertet man meinen Reisestil mit Hilfe des Lebensstandards in Deutschland und den damit verbundenen klassischen Gönnerstatus/-möglichkeiten, wird man schnell zu dem Schluss kommen, dass ich mir tatsächlich kaum etwas gönne. Ich gönnen mir (im Normalfal) weder ein schönes Hotel, noch ein gutes Restaurant, noch ein Thermalbadbesuch mit anschließender Massage oder eine Shoppingtag in einer der weitverbreiteten Schoppingzentren der Welt. Doch diese Sichtweise greift viel zu kurz. Denn meine Bedürfnisse werden durch diese Gönnermöglichkeiten nicht befriedigt. Meinen Bedürfnissen nach bedeutet „sich etwas gönnen“ etwas komplett anderes:

Zuerst einmal „gönne“ ich mir es ein volles Jahr nicht zu arbeiten und reisen zu gehen. Das ist ein großes Privileg, das mehr als 90% der Weltbevölkerung nicht haben bzw. nicht in dieser „Luxusform“ bzw. mit diesen Sicherheiten. Aufgrund der Tatsache, dass ich ein volles Jahr nicht arbeite, sind natürlich gewisse, wie oben genannte, „Gönnermöglichkeiten“ finanziell nicht durchführbar. Im Übrigen habe ich mir das „Reisegeld“, um mir diesen Gönnerstatus finanziell zu leisten, während des Referendariats (~1300 Euro pro Monat) sparsam bei Seite gelegt und das, obwohl hier schon viele am Klagen sind, dass ihnen dieses Geld kaum reicht. Ein Jahr die vollkommende Freiheit zu besitzen und finanziell weitestgehend abgesichert zu sein. Das ist für mich „sich etwas gönnen“.

Frei!

Des Weiteren gibt mir das Leben in der Natur und im Zelt mehr, als das Schlafen in einem schönen netten Hotel. Natürlich ist das von Person zu Person veschieden, aber sich nachts den Sternenhimmel anzuschauen, ein Feuer zu machen, sich frisches Wasser aus dem Fluss zu nehmen oder die letzten Sonnenstrahlen am Abend auf sein Gemüt wirken zu lassen, gibt mir mehr als der wohl softere Schlaf in einem Bett, aber umgeben von 4 Wänden.

5 Sterne ( Foto: J.B. Roy)


Darüber hinaus gebe ich meinem Körper das, für das er evolutionstheoretisch gebaut wurde: sich zu bewegen. Wir zahlen Geld in Europa, um den Körper wegen unseres Schreibtischjobs im Fitnessstudio wieder einigermaßen ins Gleichgewicht zu bringen. Ich tue dies im Freien, während ich riesige Gebirgsketten, reißende Flüsse, die letzten Gletscher oder aber auch die Weiten der Pampa betrachte. Diese Reiseform führt auch automatisch zu einem körperlichen und geistigem Erfahrungsschatz, den man mit keinem Geld der Welt kaufen kann.

Unter freiem Himmel


Es ist ein intensives, ja auch oft hartes Leben, welches das Reiseradlerleben prägt. Trotzdem führen das am eigenen Leibe spürende Leben und die tägliche Herausforderungen und Begegnungen nicht nur zum „Leben lebendig gestalten“, sondern eben auch zu einem damit verbunden Glücksgefühl. Das Leben bekommt eine Intensität, sie so gehaltvoll und ereignisreich ist, dass ich über zwei Wochen auf dem Fahrrad mehr erzählen kann und körperlich/geistig verinnerlicht habe, als in einem Jahr in unserem gewohnten Berufsalltag. Dieses lebendige Leben gönne ich mir.

Unter freiem Himmel II


Bevor ich noch zu meiner größten „Gönnertätigkeit“ komme, ist auch noch zu erwähnen, dass mir der einfache Mensch, das Einfache an sich mehr gibt als das Gehobenere. Nicht nur des Geldes wegen, sondern vor allem auch aufgrund der engeren menschlichen Beziehung, habe ich es z.B. fast immer bevorzugt, zum einfachen Manne/zur einfachen Frau zu gehen. Bei einer Mutter von 4 Kindern, die ihre kleine Suppenküche in Asien hat oder ein alter Rentner, der sich als Straßenverkäufer sein Überleben in Chile sichert, kann sehr schnell eine menschliche Beziehung und Austausch stattfinden, der über das übliche „Geld-Ware“ Tauschgeschäft hinausgeht. Man erfährt Lebensgeschichten und teilt eigene mit. Sicherlich kann man diese auch in einem 5 Sterne-Restaurant machen, jedoch geht es hier (meinen Erfahrungen in teureren Restaurants nach) mehr um ein Geld-Ware Geschäft. Während ich mich in letzteren auch auf gewisse Verhaltensnormen achten muss, kann ich bei den einfachen Plätzen Freddy sein. Mit verschmutzter kurzer Hose, schweißtreibend auf einem Plastikstuhl sitzend, gönne ich mir gemütlich meine Fleischsuppe. Hinzukommt hierbei auch noch, dass ich ein absolutes schlechtes Gewissen habe, wenn ich gerade mein 30 Euro Steak esse, während ich am selben Tag noch einen Obdachlosen auf der Straße gesehen habe, an dem Menschen einfach nichtsbeachtend vorbeigelaufen sind. Die menschliche Beziehung bedeutet für mich mehr Gönnerstatus als das bessere Fleischstück (das in diesem Fall allerdings wirklich vorzüglich war).

Dem einfachen Menschen verbunden


Doch nach meinen derzeitigen Bedürfnissen erhalte ich den größtmöglichen Gönnerstatus, wenn ich die größtmögliche Freiheit besitze. Wie auch schon in anderen Artikeln erwähnt, erhalte ich diese größtmögliche Freiheit herumreisend auf meinem Fahrrad. Zuerst einmal bin ich nicht, wie bei anderen Reiseformen, auf andere Verkehrsmittel angewiesen. Ich „muss“ nicht auf den Bus, Zug oder zum Termin der Mitfahrgelegenheit. Ich kann auf mein Fahrrad steigen, wann und solange Ich will. Ich kann anhalten wo ich will und meinen Reiseweg täglich selbst festlegen. Daraus folgt automatisch auch, dass ich meinen Körper selbst entscheiden lassen kann, wann er aufstehen will. Auch diese Freiheit ist, zumindest in der Theorie, bei Reiseradeln jederzeit vorhanden. Des Weiteren kann ich meinen Schlafplatz frei auswählen: Während andere kurz anhalten, um ein Foto einer schönen Naturlandschaft zu machen, erlebe ich diese und habe die Freiheit auch jederzeit in ihr zu übernachten. Ich mache nicht nur ein Foto von einem Fluss und muss dann weiter, sondern trinke und bade in ihm bevor ich mein Zelt neben ihm aufschlage. Ich habe die Freiheit, dies jederzeit zu tun ohne, dass es den Zwängen einer Person oder eines Zeitplans untergeordnet werden muss. Auch im eigentlichen Sinne bin ich frei: ich sitze weder in einem Auto noch in einem Bus, sondern habe den Kopf frei, um die Umgebung mit allen Sinnen wahrzunehmen. Eine Freiheit, die nur beim Gehen erhöht werden kann. Mir dieses Freiheit für ein Jahr zu gönnen, das nenne ich einmal „mir etwas gönnen“. Manch einer/eine wartet auf diesen Moment bis zu seiner/ihrer Rente. Das ist also Luxus pur, den ich mir gönne! Für diesen verzichte ich gerne auf andere Luxusformen! Das Gefühl frei zu sei, ist das höchste Gut, der höchste Gönnerstatus, den ich erreichen kann.

Weitblick: Im Leben nie das große Ganze aus den Augen verlieren!


Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass dieser Artikel die Bedürfnisse anderer Menschen hinsichtlich des „Gönnens“ nicht abwerten soll. Jede/r ist frei zu entscheiden, was sie/er sich gönnen will. Der Artikel soll lediglich aufzeigen, dass “ sich etwas gönnen“ nicht immer gleichbedeutend mit materiellen Dingen/teuren Aktivitäten sein muss. Daran anschließend soll er darauf hinweisen, dass es andere Wege des Gönnens gibt, die ohne großen finanziellen Aufwand begangen werden können. Zwar fordert dieser Weg Verzicht an einer Stelle, doch erwartet einem dafür einen Gönnerstatus an anderer Stelle, der mir weitaus wertvoller erscheint.


7 Kommentare

Anonymous · Mai 10, 2019 um 6:49 pm

Die Freiheit super beschrieben,Vielspaß beim weiterreisen. Martin

    Freddy · Mai 20, 2019 um 10:44 pm

    Vielen Dank, Martin! Bis im Sommer in Konstanz!

Jonathan · Mai 13, 2019 um 4:18 pm

Good post man ! I totally agree with you… the steak was amazing 😛
But so were the asados !

    Sven gruber · Mai 18, 2019 um 12:07 pm

    Einfach schön geschrieben ! Toll ich wünsche dir von Herzen weiterhin eine schöne Reise mit tollen Momenten !

      Freddy · Mai 20, 2019 um 10:47 pm

      Hey Sven! Freut mich von dir zu hören und zu sehen, dass dir der Artikel gefällt! Hoffe man sieht sich wieder in Konstanz im Sommer!

Susann · Mai 19, 2019 um 9:45 am

Freddy! Ich lese deinen Blog ja wirklich sehr gerne und bin immer gespannt wenn ich einen neuen Eintrag entdecke, aber dieser hier.. 🙂
ich brauchte grad erstmal 5 Minuten um das Gefühl einzufangen welches dieser Beitrag in mir ausgelöst hat.
Es ist verrückt wie wir uns hier jeden Tag etwas neues „gönnen“ um die vermeintliche Freiheit/ Luxus/westlichen Standard zu leben und dabei ist es einfach ein weiteres Bindeglied in der langen Fußfessel die uns hier ankettet. Vielleicht mit einem größeren Radium, aber trotzdem Gefangen. Ganz zu schweigen von den mentalen 4 Wänden in denen wir uns täglich bewegen.

Einer meiner Lieblingsartikel! Und es war fast so als säßen wir bei Tee am See! Mit grünem Gras! Unter den Füßen! 😉
#keepyourspirit!

    Anonymous · Mai 20, 2019 um 10:51 pm

    „Es ist verrückt wie wir uns hier jeden Tag etwas neues „gönnen“ um die vermeintliche Freiheit/ Luxus/westlichen Standard zu leben und dabei ist es einfach ein weiteres Bindeglied in der langen Fußfessel die uns hier ankettet“–> haha, du solltest selbst einen Blog einrichten. Sprachlich kann ich dir hier nicht das Wasser reichen.
    Ja dann bis im Sommer am See….natürlich mit einem Tee und langen Gesprächen! 🙂
    #Keepyourspirittoo! hahahahha

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