Freiheit

Die Gemeinschaft verlassend, überkommt mich eine große Einsamkeit, die ich aber genieße. Inmitten von Felsgiganten lebe ich in der Freiheit, Herr über jegliche Entscheidung von Alltagssituationen zu sein. Ich habe keinerlei äußeren menschlichen Zwänge, die mich in eine bestimmte Entscheidungsrichtung drängen. Dieses Gefühl atme ich bewusst Tag für Tag ein, mit der Gewissheit, dass dies im Alltagsleben zu Hause ein Ende nehmen wird. Nicht in allen, aber doch in vielen Entscheidungen wird der Willen anderer mit in unsere Entscheidungsfindung einbezogen. Dies ist per se nicht negativ zu bewerten, jedoch auch schön, z.B. jeden Morgen meinen Körper selbst entscheiden zu lassen, wann er bereit ist aufzustehen.

Vor dem Winde an einem kleinen Felsen Schutz suchend


Was mir jedoch so langsam fehlt ist das Grün. Der Duft von Blumen und Bäumen. Saftige und weiche Wiesen. Wälder, die Schatten und frische Luft spenden. Dies alles vermisse ich so langsam, denn die immerzu karge Landschaft mit wenigen Bächen, Flüssen, dafür aber jeglichen Gesteinsformen wirkt auf Dauer ermüdend. Und das nicht nur auf Grund der härteren äußeren Bedingungen (wenig Wasser, harter Boden, starker Wind, etc.) Auch die Reiseseele wünscht sich eine Veränderung. Die kommt dann zumindest in Form von Gesteinsveränderungen. Canyon-artige Felsformationen prägen nun immer stärker das Landschaftsbild. Doch auch hier ist es trocken, sandig, windig.

Wenn das Fahrrad während dem Auslösen umfällt….


Abends stellt sich meist ein stolzes und befriedigendes Gefühl ein. Man weiß, dass man wieder eine Strecke durch die eigene Muskelkraft bewältigt hat. Oft ist die Strecke auch landschaftlich interessant. Man hat schöne Bilder und oder interessante Geschichten. An vielen Abenden legt man sich deshalb durch Ereignisse bereichernd, glücklich auf die Isomatte (sofern diese nicht durch eine Loch immer wieder die Luft verliert).

Canyon-artige Landschaften

Doch die letzten Abend waren eher etwas ungemütlich. Es sind die Ameisen, die mir die romantische Abendstimmung vermiesen. Beim Zeltaufbauen verhalten sie sich meist noch passiv. Man denkt, dass man einige Meter entfernt von den Löchern der Ameisen sicher sei. Doch schon beim Essen vorbereiten, krabbeln sie aus allen Richtungen auf die „Küche“ zu. Barfuß auf einem Stein sitzend, nehme ich anfangs jedes Kommen und Gehen über meinen Fuß war. Ich lasse Essensreste liegen, verschiebe den Stein und setze mich an andere Stelle hin. Es dauert nicht lange, dann kommen die kleinen Quälgeister zu Hunderten wieder an. Bei der kargen Landschaft muss es sich für die Krabbeltiere wie Ostern, Weihnachten und Geburtstag zusammen anfühlen. Saftige Tomaten-, Gurken-, oder Reisstückchen geben wohl mehr her, als die hier immer stärker vertretenen Kakteen. Das interessante an der Ameisenplage ist – so störend sie auch an den ersten Tagen waren und so nervig sie auch an weiteren Tagen waren – :Der Körper und Geist gewöhnen sich daran! Irgendwann nehme ich, die über meinen Fuß krabbeln Ameisen gar nicht mehr war. Zwischen meinen Zehen und den Vorderfuß laufend, bahnt sich eine Ameise nach anderen ihre Weg zu den Essensresten rund um meinen Kocher. In innere Ruhe verharrend, löffele ich im gemächlichen Tempo meinen Eintopf, meinen Reis oder meinen Salat aus. Die Ameisen werden Teil der abendlichen Essensroutine. Sie gehören zu dieser staubigen und trockenen Landschaft dazu. Sind Teil von ihr und vervollständigen das Gesamtbild. Ein Bild, dass man nur erkennen kann, wenn man sich hineinbegibt in die Landschaft und ihre Widrigkeiten. Ein Foto-Stop aus dem Auto oder Bus an einem der vielen Aussichtspunkte reicht nicht aus, um diese Landschaft und das Leben in ihr in ihre Gesamheit zu verstehen.

Ein Zeltplatz ist nicht immer schön. Hier finde ich in einem kleinen Dorf Unterschlupf, Wasser und ein Dach

Die Reiseseele wartete derweil weiterhin auf ein saftiges und frisches Grün. (Wann) wird dieses Bedürfnis befriedigt werden?


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