Schutz vor dem kalten Wind suchend, versteckt sich dieser Reiseradler unter seinem Poncho. Wer sich darunter verbirgt erfahrt ihr im folgenden Artikel

Jo verschwindet in den Bergen der Anden und ich bin von nun an wieder alleine unterwegs. Es schleicht sich sowohl das Gefühl von Wehmut als auch das Gefühl von Aufbruch ein. Zwar fehlt mir nun mein Freund und Partner und damit Gewohnheit, Unterstützung und Gemeinschaft, dafür erhalte ich jedoch einen neuen Reiseimpuls und die großtmögliche Freiheit. Somit werfe ich mich wieder positiven Mutes auf mein Rad und fahre auf der verlassenen Straße gen Bareal am Fuße der Cordillera.


Es ist wie so oft eine trockene und karge Gegend. Kaum Bäume sind zu sehen, die Sonne prallt auf meinen Körper. Als sich nach 30 Kilometer der Straßenzustand ändert, entscheide ich mich schon nach 35km an einer „Difunta Correa“* mein Zelt aufzuschlagen. Bareal ist für mich am heutigen Tage unerreichbar, das Wetter zu heiß, keine Wasserquelle verfügbar und die Straßen sind schlecht.

Ein der gerade hier im Norden weit verbreiteten Difunta Correas


Eine große Ruhe kehrt in mir ein. Mein Zelt am Fuße der Cordillera, eine nur wenig befahrene Straße, eine Sonne, die vor allem am Abend eine einzigartige Stimmung hervorruft und ein paar Bäume, die Schatten spenden. Ich bediene mich bei den von der Sonne warm gewordenen Wasserflaschen der Difunta Corea und gönnen mir eine warme Dusche. Kurz nachdem ich mein Zelt aufbaue hält ein Auto an. Wenig später kommt ein Mann auf mich zu. Er ist um die 50 Jahre und scheint in seinem Leben immer gut was zu Essen gehabt zu haben. Sein Händedruck ist fest als wir uns begrüßen. Es wird eine längere Unterhaltung bei der es, wie so oft bei Gesprächen, um meine Fahrradreise, die argentinische Politik und das Land Deutschland geht. Ich habe mich an die vorherige Ruhe hier gewöhnt und bin dann auch froh als nach einer halben Stunde ein weiteres Auto ankommt, das des guten Herrns Auto abschleppt.

Am Fuße der Anden

So bin wieder alleine. 2 Fahrradreisende düsen vorbei. Sie winken kurz. Keine 2 Minuten später sind sie am Horizont verschwunden. Danach folgt die Abendroutine: kochen, essen, waschen, Zähne putzen, Podcast hören, schlafen legen.

In der frühen Nacht weckt mich Donnergeräusch und Blitzlichter. Es ist schon recht frisch geworden als ich aus dem Zelt steige und mir am Horizont das Treiben der Natur begutachte. Das Gewitter ist weit entfernt. Ich lege mich wieder schlafen. Doch schon am frühen Morgen rüttelt und schüttelt der Wind am Zelt und stört meinen Schlaf. Als ich aus dem Zelt steige bin ich überrascht. Der Wind ist eisig kalt. Schnell verkrieche ich mich wieder in meinem Schlafsack. Das Frühstück kann warten.
Irgenwann muss ich dann doch heraus. Nach dem heißen Tag gestern, darf ich heute meine Winterklamotten herausholen. In der Bergkette hängen die dunkellbauen Regenwolken. Mir wird mal wieder bewusst, wie schnell sich in den Bergen das Wetter ändern kann. Meine Gedanken sind bei Jo. Ich stelle mir vor, wir er das Fahrrad über den mehr als 4200 Meter hohen, nicht geteerten Pass der Cordillera schiebt. Das Geräusch von Fahrrädern unterbrechen meine Gedanken. Schon wieder fahren 2 Reiseradler an mir vorbei.


Keine Stunde später habe ich diese dann auch schon eingeholt. „Wollen wir gemeinsam fahren?“ „Dale!“ So fahren wir nun zu dritt über die holprige Schotterpiste am Fuße der Anden. Es sind Pablo (30) und Lucas (27) mit denen ich, den eisigen Wind im Rücken, gen Bareal fahre. Wie so viele Südamerikaner sind auch diese nach europäischem Standard alles andere als gut ausgerüstet. Aber ich bewundere die Menschen, die sich ohne viel Geld bzw. guter Ausrüstung in die Freiheit des Reisens stürzen. Pablo, Elektriker, ist mit 5 Euro von zu Hause losgezogen, um sich in die Hände der Abenteuer des Reisens zu begeben. Seine Reisekasse liegt nach fast 2 Jahren mittlerweile bei 100 Euro. Er ist sehr zufrieden. Mit nur 100 Euro in der Tasche würden sich die meisten Menschen aus Europa nicht mal auf eine mehrtägige Fahrradtour in Deutschland begeben. Der Mut dieser Menschen sich in die Welt der Freiheit zu begeben ohne die (westlichen) Sicherheiten zu genießen, beeindruckt mich nachhaltig. Vieles ist immer eine Sache der Perspektive: Mein Budget von 10 Euro am Tag, ist aus west-europäischer Sicht nicht viel, mein Reisestandard gering. Aus südamerikanischer Sicht gehöre ich jedoch zu der gehobeneren Reiseklasse. 10 Euro am Tag haben die wenigsten Reiseradler aus Südamerika zur Verfügung.

Lucas und Pablo


Die Quittung der schlechten Ausrüstung lässt aber nicht lange auf sich warten. Erst erwischt es Pablo mit einem Platten, dann kurze Zeit danach Lucas. Der eisige Wind lässt das Flicken zur unangenehmen Arbeit werden. Doch auch das zeichnet diese beiden Reisegefährten aus: während Pablo das Fahrrad flickt, holt Lucas seine Thermoskane heraus und serviert Mate. Gleiches passiert später in umgekehrter Form. So wird auch aus dieser ungemütlichen Situation, eine Moment, in dem Wärme ausgestrahlt wird und er zusammenschweißt. Lucas, Pablo und ich werden zu Freunden.

Ohne Mate geht es nicht. Auch nicht beim Reifenflicken

Es folgen 2 Tage, in denen ich wieder dieses schöne Gefühl des freiheitlichen Reisens kennenlerne:
Auf einem Campingplatz niederlassend, verweilen wir zusammen mit einem Pärchen aus den Niederlanden 2 Tage. Feuer, Gitarrrenmusik, Austausch, Lachen und viel Herzlichkeit zeichnen diese Tage aus. Das Schöne an dieser Zeit zu fünft (und später zu sechst) war: Jeder teilte mit jedem mit so einer großen Selbstverständlichkeit, die mich beeindruckte. Fred(Niederländer) reparierte das Fahrrad von Lucas und meines, ich spendierte am ersten Abend das gegrillte Hühnchen und das Frühstück, Caro (Niederländerin) brachte eine Weinflasche nach anderen, Lucas teilte seine Stimme, sein musikalisches Talent, seine handwerklichen Fähigkeiten und sammelte Stunden Holz, Pablo reparierte mein Zelt, spielte Gitarre und spendierte das zweite Abendessen. Dies alles lief so selbstverständlich und mit so einer großen Herzlichkeit ab, dass mir wieder einmal zeigt wie gut der Mensch sein kann. Innerhalb von nur 2 Tagen wurden wir drei und dann fünf zu einem Team, das alles was es zur Verfügung hatte mit jedem anderen teilte. Und gemeinsam profitierten wir alle davon!

Eine teilende Gemeinschaft für 2 Tage vor der gemeinsamen Feuerstelle, an der gegrillt, diskutiert, gekocht, gesungen und Gitarre gespielt wurde

*“Difunta Correa (die verstorbene Correa, eigentlich María Antonia Deolinda y Correa) (* 18. Jahrhundert oder 19. Jahrhundert; † 1841) war eine Frau, die 1841 auf der Suche nach ihrem Mann angeblich in der Wüste Argentiniens verdurstet ist. Ihr Kind jedoch war dank der Muttermilch nicht gestorben, es lag saugend an der Brust der toten Mutter“. ( Die Difunta Correa gilt als Schutzheilige der Reisende. Im Bezug auf die Legende legen Reisende Wasserflaschen an den Gedenkorten, die überall in Argentinien verbreitet sind, ab, damit sie im Notfall von anderen konsumiert werden können. Leider werden nach dem Komsum die leeren Wasserflaschen oft einfach am Ort hinterlassen, was zu einer Plastikverschmutzung führt.)


2 Kommentare

Jonathan · Mai 13, 2019 um 6:01 pm

Good story ! I was definitely more alone in the mountains.

    Frederic Fritz · Mai 21, 2019 um 12:16 am

    Hahaha. That´s true! But finally you came out of the mountains stronger than u had been before….
    And with less weight 🙂

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