„Wie kann es sein, dass Kunden 100 Pesos für eine Flasche Coca Cola ausgeben, aber nur 20 Pesos für ein Kilo Tomaten?“

(Marisol, Tunuyuan, 2019) (* 100 Pesos~2,50 Euro)

Marisol mit ihrem Sohn Gaston

Sie arbeitet für weniger als 2 Euro die Stunde!

Marisol ist 39 Jahre alt und lebt in einem kleinen Bauernhaus in der Nähe der großen Weinbauregion um Tunuyuan. Dort bewirtschaftet sie ein etwa 2 Hektar großes Gebiet- biologische Landwirtschaft! Sie arbeitet 7 Tage die Woche. Da ihr der Verkauf der biologisch erzeugten Lebensmitttel nicht zum Überleben reicht, arbeitet sie halbtags, 6 Tage die Woche, als Gärtnerin bei einem Boutique Hotel – für weniger als 2 Euro die Stunde!

Sozialversicherung oder Rentenversicherung Fehlanzeige! Der Arbeitgeber gibt beim Staat einen geringeren Betrag, um auch hier keine Steuern zahlen zu müssen, an. Dem französische Inhaber des Hotels scheinen die 2 Euro die Stunde schon genug zu sein. Mehr könne er sich nicht leisten, richtet er Marisol aus. “ Und dann fliegt er zweimal im Jahr nach Frankreich!“, berichtet mir Marisol an unserem ersten Abend ganz aufgebracht. Marisol lebt also mit weniger als als 8 Euro festes Einkommen am Tag. Das ist wenig Geld. Wenn man darüber hinaus noch einen 12 Jährigen Sohn alleine aufziehen muss, ist dies mehr als eine alltägliche Herausforderung.


Doch sie ist eine Kämpferin, versteht sich selbst auch als Kämpferin gegen den herrschenden Kapitalismus, der, ihrer Meinung nach, gerade hier in der Weinbauregion eine starke Zwei-Klassengesellschaft hervorruft: „Vor allem ausländische Personen kaufen hier viel Land auf. Während ich für 2 Stunden in der Woche Wasser zum Bewässern geliefert bekomme, können große Unternehmen wie „Clos de los Siete“ [7 Personen aus Frankreich, die mehr als 1000 Hektar Wein-Anbaufläche besitzen) sich durchgängig Wasser liefern lassen. Die Arbeiter bekommen teilweise noch einen geringeren Stundenlohn als ich.“

Haus Marisols (Foto: J.B.Roy)


Das Bewässerungssystem haben sich die spanischen Eroberer von der indigenen Bevölkerung abgeschaut. Ein großer Teil der Provinz Mendoza ist mit einem verzweigten Kanalnetz ausgestattet. „Mit Geld lässt sich alles kaufen. Auch das Wasser in der sonst sehr trockenen Region“, erzählt Marisol verbittert.


Ihre Kompetenz im Umgang mit der Erde, den Pflanzen und der Natur im Allgemeinen hat sie schon von Kleinauf beigebracht bekommen. Ihr Vater war in einer großen Farm angestellt. Sie wuchs mit ihren 2 Brüdern und 2 Schwestern in ärmlichen Bedingungen auf. Zweimal musste ihr Vater auf den Knien den Besitzer bitten, auf dem Hof und dem (geliehenen) Haus bleiben zu dürften. Einmal war der Grund, warum sie der Besitzer vom Hof jagen wollte, die Geburt des fünften Kindes. “ Damals war es so, dass der Besitzer Unterhalt für die Kinder ihrer „Farmangestellten“ zahlen musste. Nach dem fünften Kind wurde es ihm zu viel“, erzählt uns Marisol mit ernster Miene. „Im Gegensatz zu meinen Geschwistern, hat mich dieses Ereignis sehr stark geprägt. Seitdem war es immer mein Ziel ein eigenes Haus zu besitzen.“


Dies hat Marisol geschafft! Seit 1,5 Jahren lebt sie ihren Traum von einer gentechnikfreien, biologischen Landwirtschaft. Auch wenn sie weitestgehend allein ist und hart arbeitet, liebt sie ihre Arbeit in ihrem eigenen Garten!
Marisol ist ein Energiebündel! Als Jo und ich am Abend des 2. März bei Marisol, eine Freundin von Conrado, ankommen, zeigt sie mit solch einer Leidenschaft ihren Garten und ihre Vorstellung ihrer Zukunft, dass weder Jo noch ich während den ersten 2 Stunden groß zum Sprechen kommen. Und das mit einem „7-Tage-die Woche“ Job!!! ( Ja, nicht nur „der Deutsche“ arbeitet viel!!!!). Auch wenn ich nicht alle Ansichten teile bzw. verstehen kann (z.B. „eine Pflanze ist nicht gerne allein. Sie haben gerne eine andere Pflanze bei sich“), unterstütze ich ihren Weg zu einer ökologischeren und gerechteren Welt. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, war meine eigene Gartenarbeit, welche mir aber unglaublich gut getan hat. Für mich war es wie ein Form der Meditation.

gschlofe wird später… (Foto: J.B.Roy)

Schade, dass Kinder heutzutage immer weniger den Ursprung der Nahrung mit ihren eigenen Händen zu erfahren bekommen. Das Marisol mit ihrem Weg der ökologischen Landwirtschaft einen zukunftsorientierten Weg geht, belegt die Wissenschaft. Entgegen dem von der Chemieindustrie (z.B. führender Kunstdüngerhersteller das deutsche Unternehmen BASF) weit verbreitetem und jahrelang aufgebautem Mythos der „Wir brauchen die konventionelle Landwirtschaft, um die steigende Bevölkerung zu ernähren“ , kam eine von der UN beauftragte internationale Expertenkommission schon 2008 zu dem Schluss, dass nur eine ökologisch, kleinbäuerliche, selbstversorgende und gentechnikfreie basierte Landwirtschaft, die Ernährung der zukünftigen Bevölkerung gewährleisten kann.

Marisol ist deshalb nicht nur eine Kämpferin für die Interessen ihrer eigenen Person, sondern gleichzeitig auch eine Kämpferin für unseren Planeten. Suerte amiga!

Kategorien: Menschen

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