„Hier in Argentinien musst auf die Menschen zugehen. Dann werden sie dir helfen und sehr freundlich sein.“, sage ich Jo als ich am Abend bei einem alten Mann nachfrage, ob wir auf seinem Acker unser Zelt aufschlagen können. Dieser verweist uns auf einen gratis Campingplartz, der am Anfang des Dorfes liegt. Wir fahren also wieder zurück, fragen weitere 2 Personen als wir schlussendlich vor dem verschlossenen Park stehen. „Dort drüben im rosa Haus wohnt ein Mann, der für den Park verantwortlich ist und einen Schlüssel hat.“, teilt uns eine ältere Dame mit. So fahren wir auf die gegenüberliegende Straßenseite und klingeln am Haus. Erst tut sich gar nichts, doch dann öffnet tatsächlich ein etwa Mitte 60 Jahre alter Mann das Haus und die Gartentür. Er lächelt und begrüßt uns freundlich. „Haben sie einen Schlüssel für den Park“, fragen wir diesen nach kurzer Begrüßung.

Jetzt ist es wie so oft hier in Südamerika. Die Menschen antworten ohne groß ihr Tempo oder ihre Aussprache zu ändern. Wir haben nun die Aufgabe aus den Wörtern, die wir verstehen, uns einen Sinn daraus zu reimen. Ich verstehe die Wörter: Sohn, Telefon, kommt später, kommt doch rein. So setzen wir uns an den Tisch eines herzensguten Menschen: Rafael. Es sind diese Momente, die mich daran erinnern, weshalb ich eine Fahrradtour mache. Aber um die Momente aufblühen zu lassen, bedarf es Fingerspitzengefühl und Geduld. Denn wir sind müde und wollen eigentlich im Moment des Geschehens erst einmal nur eines: Ab in unser Zelt.

Noch wissen wir nicht genau, was Sache ist. Wie lange müssen wir warten? Wer hat den Schlüssel? Hat er seinen Sohn erreicht? Hat der Sohn den Schlüssel? Doch ich weiß, dass diese Fragen erst einmal sekundär sind. Das Bedürfnis zu schlafen muss ausgeblendet werden, denn hier steckt eine Hauptmotivation meiner Fahrradreise: Der Austausch mit dem einfachen Manne/ der einfach Frau. ( Gerne würde ich mich auch mit dem „gehobene Manne“/“gehobener Frau“ austauschen, doch versteckten sich diese meist hinter ihren Villen und teuren Autos).

So sitzen wir da und lauschen unter Weinreben den Geschichten Rafaels: Vom Anbau des Weinbaus in der Region, der Region Cuyo im Allgemeinen, Veränderung in der Arbeitswelt, seiner afrikanischen Herkunft, seiner Familie (inklusive den Verlust eines Sohnes). Selten versteht man alles. Doch da ich den Redefluss nicht stören, will ich nicht ständig nachfragen. Jedoch muss man aufpassen, denn es können sich auch immer wieder Fragen des Gegenübers einschleichen. Wenn die Stimme nach oben geht, sollte man aufmerksam sein.

Irgendwann wird der Mate herumgereicht. Leider immer mit einem Löffel Zucker. Kekse werden herbei geholt. Der Schlaf muss warten. Irgendwann fragt mich Jo: „Freddy, was ist jetzt eigentlich Sache?“ „Ich glaube, wir warten auf den Sohn, der den Schlüssel hat. Ich weiß jetzt nur nicht, ob er ihn nicht erreicht hat und wir einfach warten bis er nach Hause kommt oder ob er ihn erreicht hat und er einfach irgendwann nach Hause kommt. Jedenfalls bedeutet es für uns nur eines: Warten. Es wird dunkel, die Augen müder und auch das Gehirn braucht nach fast 2 Stunden Spanisch eine Pause. Gegen 22 Uhr kommt dann auch David, der Sohn, nach Hause. Wir verlassen das Haus mit einem Kilo Trauben, einer Flasche Wein und gegrilltem Fleisch. „Vielen Dank! Wir kommen morgen wieder vorbei“, verabschieden uns von Rafael, Frau und 96 Jähriger Schwiegermutter. David begleitet uns zum Park, öffnet diesen für uns, zeigt uns die Duschen. Auch er hat stets ein gutmütiges Lächeln im Gesicht. Für uns endet der Abend mit Fleisch, einer Flasche Wein und Trauben zum Nachtisch.


Der Morgen beginnt wieder wie gewohnt: das Fahrrad flicken. Und zwar für beide! Danach suchen wir wieder Rafaels Haus auf, setzten uns unter die Weinreben, trinken Mate, essen Kekse, lauschen den Geschichten, fragen und erzählen selber. Wir verlassen das Haus und nehmen die Gaben Rafaels dankend auf: Gutmütigkeit, Gastfreundschaft, Informationen, Erfahrung, Herzlichkeit, Freude, einer CD mit Folklore für jeden von uns und 2 Kilo Trauben.

Rafael, Etelvina, Lydia ( Foto: J.B.Roy)

Am Abend sind wir in der kleinen Finca bei Marisol eingeladen. Hier werden wir 2 entspannte Tage verbringen und auch dieses Haus – bis auf die Cds und den Trauben- mit den oben genannten Gaben verlassen. Und dann passiert etwas, was ich schon lange nicht mehr erlebt habe: angenehmes Fahrradfahren.

Umgeben von Weinreben


Von Weinreben umgeben fahren wir Richtung Upsallata. Auf den flachen Straßen sind nur vereinzelt Autos unterwegs, es geht kein Wind, es ist grün um uns herum. Ich genieße sein langem mal wieder das Fahrrad fahren an sich. Es ist entspannt und auch der Campingort unter Bäumen und an einem kleinen, sauberen Kanal gelegen, rundet den schönen Tag gekonnt ab.
Am nächsten Tag machen wir uns auf die Reise unserer letzten 2 gemeinsamen Tage. Wir bekommen noch einmal alles, für das Argentinien für mich steht: atemberaubende Landschaften, starker Wind, trockene und wilde Gegenden, heiße Tage und kalte Nächte.

Alte Bahnstrecke
Alte Bahnstrecke Teil 2

Am 7. März heißt es dann Abschied nehmen von einem Reisegefährten, Weltenentdecker und Freund. Wir umarmen uns kräftig, dann fährt Jo dem Andenpass „Libertadores“ gen Chile entgegen. Ich drehe um. „Argentinien. Von dir gilt es noch nicht Abschied zu nehmen!

Bye Bye Jo!
Du bleibst mir noch erhalten Argentinien!

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